Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 389 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Reymondt, ״Lodz, das gelobte Land״. 389 kaleidoskopartige Personenschau, unterbrochen durch treffende Schilderungen eines eigenartigen, jetzt doppelt fesselnden Kulturmilieus. Bedauerlich bleibt es auf jeden Fall für uns Juden, daß sich Reymont so wenig Mühe nimmt, bei der Herausarbeitung der jüdischen Typen in die innere Motivierung dieser einseitigen kaufmännischen Begabung seiner Charaktere einzudringen und ihre psychologischen und wirtscliaftlichen Voraussetzungen zu prüfen. So sehr sich der Sittensehilderer der Werturteile im allgemeinen enthalten und nur konstatieren soll, was ist, so hat ihn doch, wie wir sahen, seine Objektivität nicht gehindert, die Darstellung seiner Landsleute in manchen Zügen zu retuschieren, "überhaupt fehlen bei keinem temperamentvollen Sittendarsteller, auch bei Zola nicht, die moralisch wertenden, bald sich entrüstenden, bald beifällig urteilenden Zwischenauslassungen des Dichtermenschen. Weshalb fühlt sich da der Verf. unsres Buches an keiner Stelle bemüßigt, davon zu sprechen, welch ein eigen Ding der Begriff ״kaufmännische Ehre“ in allen Ländern überhaupt ist und wie eigenartig die Begriffe Geschäft, Spekulation, Erfolgjägerei auch anderwärts das Bild des Kaufmanns für den Außenstehenden beeinflussen. Warum wirft der Verf. nirgends die Frage auf: Weshalb sind diese jüdischen Kaufleute so geworden, welche Zeitumstände, Erziehungsverhältnisse, Einflüsse der Umgebung haben diese Juden zu den ewig raffenden und profitsüchtigen Kapitalisten gemacht. Wieviele von diesen Vergehungen und häßlichen Eigenschaften sind auf Rechnung der diesem Berufe eigentümlichen Sphäre zu setzen1), wie schwierig ist der Kampf ums Dasein mit den Forderungen der Sittlichkeit und gar erst gemäß den Forderungen westeuropäischen sittlichen Rigorismus in dem Lande der Beschränkungen und der zum System erhobenen Korruption durchzuführen. Auch diesen Spuren nachzugehen wäre für den wahrhaften Milieuschilderer u. E. unerläßlich gewesen. Welche Ausblicke zeigen 1) Vgl. den zweiten Ost]uden-Artikel des Herausgebers im J eschurun, Heft 2, 1916, p. 89 f., wo ein höchst bezeichnendes Beispiel für das oben Gesagte erzählt wird.