Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 388 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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388 W. Reymondt, ״Lodz, das gelobte Land“. dagegen, daß er bei seinen Juden der besseren Stände so wenig Liebenswertes und Achtunggebietendes zu schildern weiß. Jedoch zugegeben, die Zustände seien wirklich so bei den Großindustriellen und Großkapitalisten Lodzs, angenommen, reinster Wahrheitsdrang habe den Verfasser bei seiner Dar- Stellung ausschließlich geleitet. Aber was wir dem Verfasser zum Vorwurf machen müssen, das ist sein völliges Verschweigen der großen Judennot Lodzs, der himmelschrei־ enden Not der Ärmsten und Elenden unter den jüdischen Handwerkern und Kleingewerbetreibenden, die durch die fortschreitende Industrialisierung der Stadt und die Technik der Maschinen um ihren Erwerb kommen. In keiner Stadt des Ostens tritt das Massenelend so kraß und unverhüllt zutage als in dem neuen Industriezentrum Lodz. Daß der zweifellos sozial tiefempfmdende Dichter (wie weiß er in bewegten Szenen die Not des polnischen Proletariats, bei Jaskulskis zum Beispiel, zu schildern!) hier kein 7Wort der Klage, der Anklage gegen Juden und Christen findet, daß er an dem Elend dieser ärmsten Enterbten so stillschweigend vorübergehen konnte — dies ist eine nach unserem Empfinden untilgbare Schuld des Komandichters. Eühlte er denn nicht, daß in dem mächtigen Kampf der Maschine und des Individuums auch diesen Unterdrückten ein Platz zukommt. Hätte sich der Verf. die Mühe genommen, so hätte er ohne Zwang bei diesen Ghettojuden in ihrer schroffen Abgeschlossenheit geistig wertvollere, selbstlose, fast unirdisch anspruchslose, allem Kapitalismus abholde Typen zahlreicher finden können als in den blindgläubig polonisierenden, allem Jüdisch-Überlieferten fernstehenden, talmieleganten und entarteten höheren jüdischen Finanzkreisen der sehnellemporgeschossenen Industriestadt. — Wir haben das Buch eingangs als einen Beitrag zur Problematik des Ostjudentums, wenn auch nur einer bestimmten Schicht, begrüßt. Denn zweifellos bietet es die Kulturgeschichte einer Berufsklasse, vielleicht nur einer Generation, ein Stück bittern, aber echtgesehenen Lebens. Das Ganze liest sich wie eine Szenenfolge kurzer, kernhafter dialogischer Auftritte, eine