Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 385 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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W. Reymondt, ״Lodz, das gelobte Land“. 385 und nur gar einen Ostjuden dünken, Geld zu machen. Unserem Helden (und manchem Ostelbier unter uns!) dünkt es z. B. edler, die Tochter eines Millionärs heimzuführen und das Verhaltnis mit seiner früheren Braut (Anka), deren bescheidenes Vermögen er bei seinen Spekulationen aufgebraucht hat, zu brechen. Diesem edlen Polen macht es nichts aus, mit Moritz Welt, seinem Teilhaber an der Fabrik, ein Doppelspiel zu treiben, und den Juden später, wenn er ihn beim Erfolg nicht mehr nötig hat, ganz aus dem Geschäft auszuschalten (vgl. p. 426). Bei der ganzen Gründung erkennt man schließlich die Meinung des edlen Christen, daß es für ihn hauptsächlich gilt, wer den andern zuerst hereinlegen soll. Diesem Edelmann fällt es auch nicht schwer, dem Juden Zucker, dessen Gattin er verführt, einen Falschschwur za leisten, daß er seine Frau nicht berührt habe, um nachher desto ungestörter im Hause des Juden und später in Berlin sein Verhältnis mit ihr fortzusetzen. Wahrlich, wir beneiden solche Edelleute nicht um ihre Herrenmoral, und auch der Dichter ist gerecht genug, diese Art Edelmenschen nicht etwa verherrlichen zu wollen. Jeder Beschönigungsversuch liegt dem Dichter vollends fern in der Charakterzeichnung des Polen Stach WTilcsek, eines vollendeten jungen Wucherers und Seelenverkäufers, der keinen Anstand nimmt, neben seinem Kaufmannsberuf von armen Jüdinnen und andern die gemeinsten Wucherzinsen zu nehmen (vgl. die Szenen p. 366 f.). Überhaupt gibt dieser leidenschaftslose Sittenschilderer alle seine Landsleute keineswegs als Musterbilder heroischer Lebensauffassung aus. Alle diese Polen (die Trawinski, Starzewski, Kurowski, Myszkowski, Borowiecki usw.) haben samt und sonders etwas Weiches und Energieloses in ihrem Handeln, eine gewisse Wehrlosigkeit, ein Mit-dem-Strom- Schwimmen, ein Aufgehen in der Umgebung, alle diese Ostmenschen machen, ein gemeinsamer Charakterzug aller Slaven, jede Neuerung restlos mit und beteiligen sich bei ihrem Sprung aus den primitivsten Lebensbedingungen in die Sphäre technischer Überkultur willenslos an den wildesten Spekulationen und bedenklichsten Geldtreibereien (nur Trawinski in beschei-