Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 380 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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380 W. Keymondt, ״Lodz, das gelobte Land“. schändlichster Machenschaften, eine Welt, in der Schwindeleien, hinterlistige Bankrotte (Brandstiftungen), feingefädelte Betrüge־ reien und freche Ausbeutung zum täglichen Leben gehörten und Gemeingut aller waren“ (p. 100). Man beneidet sich gegenseitig um geschickter ausgedachte Spekulationen, die öffentlichen Betrüger werden bewundert, bewundert und verehrt werden die Millionen (ib.). Unglücklichen oder minder Erfolgreichen begegnet man mit Hohn und Spott, verurteilt sie und verweigert ihnen Kredit und Vertrauen. Ein unbezähmbares Verlangen nach Macht und Genoß durchglüht diese Lodzer Geschäftsmenschen, dieselbe wahnsinnige Lebensgier, dieser Goldstrom erfaßt, beherrscht, berauscht, hypnotisiert diese Erfolganbeter. Die Fabrikanten sind die Herrscher, um die sich ein Heer jüdischer, deutscher, polnischer, meist vom Lande her stammender Angestellter, Techniker, Agenten, Arzte. Chemiker, Ingenieure, Anwälte anbetend schart. ״Die öffentliche Meinung, die Ethik, die Anständigkeit! Wer schert sich in Lodz darum? Wem kamen so dumme Gedanken je in den Kopf!“ (p. 290f.). Sittliche Werte, ideale Forderungen, rechtschaffenes Geschäftsgeb ähren — weich lächerliche Begriffe hier! Nur eines gibt es allerdings, was diese Beutetiere in Schach halten könnte: das Gesetz, die Polizei. Doch diese ist recht weit und weiß sich zur rechten Zeit zurückzuziehen. Und dieser Tiefstand geschäftlicher und gesellschaftlicher Moral ist nicht etwa ein Produkt von Überkultur und dekadenter Ver־ feinerung, sondern Ausdruck brutaler Habgier und suggestiver Erfolgjägerei. Drei Typen von Erwerbenden lassen sich aus dem Gewimmel der Gestalten herausheben: Die polnischen, die jüdisehen und die deutschen Fabrikanten. Die Polen (das ganze Buch soll die allmähliche Annäherung der polnischen Aristokratie an die Industrialisierung von Lodz zeigen), die Polen sind die Lieblingsfiguren des polnischen Homanschriftstellers, besonders die polnische Adelsklasse, sie kommen am besten weg, sie sind Träger großer Traditionen, sie haben eine Vergangenheit, Ideale, an die sie glauben und