Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1916)
- Date
- 1916-07-01
- Page
- Seite 374 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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374 Moses Maimonides. seinem eigenen Bilde. Maimonides, der ausgezeichnete Pädagoge, der sich bemüht, seine philosophischen Ansichten der unreifen Menge fernzuhalten, entdeckt die gleichen Züge bei Mose. Die Bibel wendet sich nicht gleich dem ״Organon״ des Aristoteles an eine beschränkte Zahl hoch entwickelter Denker. Die Bibel ist ein Volksbuch. Sie wendet sich an alle Menschen und an alle Klassen. ״Versammle das Volk״, sagt Gott zu Mose, ״die Männer, die Frauen und die Kinder.auf daß sie hören.alle Worte dieser Lehre״. Die Bibel ist sowohl für den tiefsten Philosophen wie für das schlichte Kind bestimmt. Hätte die Thora metaphysische Wahrheiten in klaren, einfachen Wendungen ausgedrückt, sie wären nicht nur der Masse des Volkes gänzlich unverständlich geblieben, sondern sie wären mißverstanden worden und hätten Verwirrung und Unheil angerichtet. Daher zog die Thora es vor, ihre Anschauungen in die Form von Erzählungen und Allegorien zu kleiden, die, von der Menge wörtlich und von den ״Auserwählten״ in ihrem wirklichen Sinne aufgefaßt, auf beide einen religiösen Einfluß ausübten, der wohl dem Grade nach verschieden, doch in gleicher Weise wohltätig war. Diesem von Moses gegebenen Beispiel folgten die Propheten und die biblischen Schriftsteller, später auch die jüdischen Weisen, deren Worte, wie Maimonides es ausdrückt, ״einem kleinen Kern gleichen, den zahlreiche Schalen einhüllen, so daß das Volk bisweilen sich ausschließlich mit den Schalen beschäftigt und glaubt, es sei überhaupt kein Kern vorhanden.“ Die Methode, durch die Maimonides die Philosophie des Aristoteles auf die Thora überträgt, ruft unsere höchste Bewunderung hervor. Hier feiert sein synthetischer Geist die größten Triumphe. Bisweilen müssen wir unseren ganzen modernen Skeptizismus auf bieten, um dem Netze allegorischer Deutungen zu entschlüpfen, das die Hand eines Meisters so geschickt gelegt hat. Natürlich machen in den meisten Fällen die Erklärungen des Maimonides auf uns den Eindruck des Gemachten und Gekünstelten. Maimonides schrieb eben nicht für das zwanzigste Jahrhundert, sondern für die Juden des