Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 329 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine rabbinische ]Residenz und ihr letzter Fürst. 329 ein Rabbinat bekommen haben* 1). Selbst ein großer Spender, konnte er jedoch nie Spenden sammeln. Während Rabbi Jizchok Elchonon jeden Bettler mit seinem Empfehlungsbrief ausstattete, weigerte sich Reb Hirsch, selbst den angesehensten Rabbinern solche zu geben2). Man hat Reb Hirsch nachgesagt, er sei zu stolz und zurückhaltend gewesen. Durchaus nicht! Wohl war er Aristokrat durch und durch. Seine vornehme Natur flößte von selbst einen Respekt ein, der allzugroße Vertraulichkeit unmöglich machte. Er verband aber mit dieser Vornehmheit eine solche Bescheidenheit und Einfachheit, daß man jeden Unterschied in Rang, Stand, Kultur und Bildung vergaß, wenn man mit ihm sprach. Man fühlte, hier spricht ein Mensch zum Menschen, erfüllt von dem Worte: ״ Menschlichkeit44. Seinen Bekannten gegenüber zeigte er das wärmste Interesse für das Kleinste in ihrem persönlichen Leben. Er erzählte gern von *) Ein Beispiel: Ein junger Rabbiner, dem seine Gemeinde die ihm gebührenden Reise־ und Vorbereitungsspesen verweigerte, beklagte sich bei Reb Hirsch über seine Not und die Verletzung seiner Ehre. ״Heutzutage״ — meinte er — ״ehrt man die Rabbiner nicht mehr so wie in alten Zeiten.״ Reb Hirsch erwiderte ihm: ״Die jungen Rabbiner dürfen für sich nicht dieselbe Ehre und denselben Reichtum beanspruchen, wie die alten Rabbiner es tun konnten, denn sie bemühen sich auch nicht, die geistige Höhe jener zu erreichen. Und Ihr, mein junger Freund, nehmt das alte Gottvertrauen an, und Gott wird helfen.* Und Gott hat auch geholfen. Die Gemeinde hat dem jungen Rabbiner die nötigen Geldmittel zur Verfügung gestellt. Der junge Rabbiner konnte vor dem Kownoer Raw seine gute Gemeinde preisen und ahnte nicht, daß der £eber kein anderer gewesen war als Reb Hirsch selbst. Dabei muß bemerkt werden, daß er alles aus eigener Tasche zu geben pflegte. 2) Nach talmudischer Vorschrift soll man nicht mehr als xjh seines Kapitals für wohltätige Zwecke verwenden. ״Mein ganzes Kapital,״ so pflegte Rabbi Hirsch zu scherzen, ״ist mein Einfluß in meiner Gemeinde. 1/5 dieses Schatzes habe ich längst zum Opfer gebracht, als ich in erster Zeit Empfehlungsbriefe gab.“ — Das sagte der Mann, der, wie alle andern Weisen, im Geben selbst verschwenderisch war: ״Der Vater״ ז״ל (R. Hirsch gebrauchte nie den Ausdruck ״mein Vater“) ״nahm von einem Kinde und gab es dem zweiten. Ich aber darf es mir nicht erlauben, einen anderen durch moralischen Zwang zu Opfern an lassen.“ zu ver-