Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 326 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
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326 Eine xabbinisclie Residenz und ihr letzter Fürst. verdankte der Baron zum Teil seiner Freundschaft mit dem Kownoer Raw. Der kleinstädtische Rabbiner oder Hausherr hielt es für seine ״Ehrenpflicht“, wenn er in Petersburg war, dem Baron, dem Freund Rabbi Jizchok Elchonons, seine ״Visite“ zu machen. Dagegen wurde der Kownoer Raw durch den Baron in den höheren Regierungskreisen eingeführt, denn der Baron pflegte sich überall als Mitarbeiter Rabbi Jizchok Elchonons zu bezeichnen — sie beide galten bei der Regierung als die Volksstimme selbst. Das Merkwürdige dabei ist, daß der Rabbi, ein Mann vom alten Schlage, der kein einziges Wort Russisch verstand, eine außerordentliche Achtung bei der Regierung genoß. So hat z. B. der damalige Kownoer Gouverneur ihn sehr oft besucht und ihm zum Abschied seine Photographie überreicht. Bei der letzten Rabbinerkonferenz, die vor einigen J ahren in Petersburg tagte, erinnerte der russische Premierminister Stolypin die rabbinische Deputation an den großen Kownoer Raw und erzählte von dem tiefen Eindruck, den eine Begegnung mit diesem auf den russischen Metropoliten Antoniu hinterlassen hätte. So ist Kowno, in dem alle Fäden des geistigen, gesellschaftlichen und politischen Lebens zusammenliefen, zu einer wahren Residenz geworden, mit einem Fürst — Raw an der Spitze, mit einem ganzen Hofstaat und — einem schwarzen Kabinett1). Vor seinem Tode äußerte Rabbi Jizchok Elchonon seiner Gemeinde den Wunsch, daß sein Sohn, Rabbi Hirsch, damals in Wilna, sein Nachfolger werden solle. In seinem Testament hob er hervor, daß sein Sohn alle Eigenschaften, die für einen Kownoer Raw erforderlich wären, besäße. Er berichtete, daß dieser sein ständiger Ratgeber und seine rechte Hand gewesen. Er bat die Kownoer Gemeinde, die pekuniären Verhältnisse seines Sohnes zu berücksichtigen, da dieser sonst 1j Hebräisch: לטוכדל דלטגחורדל. — Mit diesem ironischen Namen wurde ein Häuflein Leute bezeichnet, die, an den Kownoer Stuhl sich klammernd* oftmals gegen den Willen des Raw, aber in seinem Namen, eine geheime Politik getrieben hatten. Man hat der ״Lischkah“ sehr viele Ereignisse im jüdischen Leben zugeschrieben.