Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 311 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Stellung des heutigen Judentums zu der aus Talmud usw. 31! ihrerseits sich vieles erlaubten, was wir nicht billigen können, darüber läßt sich nichts Bestimmtes sagen. Die Moral-Bücher der Juden haben aber zu allen Zeiten dagegen geeifert; vgl. Der Sch.-aruch S. 4—36 und sonst. Ich bin der festen Überzeugung: 1. Daß jene alten Fremd engesetze für die heutigen Verhältnisse der Juden niemals gegeben worden sind, 2. Daß für die Juden ״in der Zerstreuung״ die Mahnung des Propheten Jeremia (29,7): ..Fördert das Wohl der Stadt, wohin ich Euch auswandern ließ, und betet für dieselbe zu Gott“, oberstes Gesetz ist, und daß wir demnach nach unseren Religionsgesetzen nichts gestatten dürfen, was dem Wohle des Staates oder der Gesellschaft irgendwie nachteilig sein könnte. 3. Daß diese beiden Lehrsätze mit den Lehren des Talmuds und des Schulchan-aruch nicht im Widerspruch stehen, sowie daß überhaupt bei richtigem Verständnis im Schulchan-aruch (d. h. in der endgültig festgesetzten Halacha des Talmuds) nichts enthalten ist, was der modernen Ethik widerspricht. Bezüglich der Frage, ob eine Weiterentwickelung der Religion als solcher anerkannt wird, ist Folgendes zu bemerken: Es gibt allerdings heute viele Rabbiner und Vertreter der Judenheit, welche eine fortschreitende Entwickelung der Religion anerkennen. Der Standpunkt des traditionell-gesetzestreuen (orthodoxen) Judentums ist dagegen folgender: Die jüdische Religion ist eine von Gottgeoffenbarte Religion, welche das Ideal der Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit in einem Gesetze aufgestellt hat, das absolut vollkommen ist, bei dem daher von einer fortschreitenden Ent- Wickelung keine Rede sein kann. Vielmehr müssen wir Menschen uns entwickeln und fortschreiten, um jenes Gesetz richtig zu verstehen, mit Aufopferung aller selbstischen Interessen auszuüben und jenes göttliche Ideal zu erreichen. Wir sind aber auch der Überzeugung, daß die Menschheit fortgeschritten ist, fortschreitet und immer fortschreiten wird, bis