Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 297 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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297 Die Lüge. Auffassung ״Gottes Siegel die Wahrheit״ ist, so auch ״seine Lehre die Wahrheit ist״. Wesentlich aber ist, daß wir die Hauptbedingungen erfüllt finden, von denen wir uns nach unseren obigen Ausführungen allein eine Durchdringung des Lebens von dem Geist der Wahrhaftigkeit glauben versprechen zu können. Die rechte Beziehung zu den Realitäten des Lebens einerseits. Das Problem der Notlüge wird in einer Form gelöst, daß die Wahrhaftigkeit nicht zum Verderber des Lebens wird, sondern uns befähigt, das Leben zu erhalten und gangbar zu machen 1). Sodann die Forderung, ununterbrochen sich zu prüfen und Rechnung abzuhalten mit seiner Seele. In allen unseren ethischen Schriften wird der größte Nachdruck auf diese innere Wahrhaftigkeit gelegt. Wichtiger als die Bestrebungen zur tatsächlichen Besserung erscheint ihnen die Inventur, wenn wir so sagen dürfen, des ethischen Besitzes, daß man sich völlig klar darüber werde, wie weit man vom rechten Wege abgeirrt und die Selbsttäuschung vermeide, die ein dauerndes Hindernis zur endgültigen Rückkehr bildet2). Endlich: die Anleitung zur Kleinarb eit in der Aufstellung einer Fülle von Vorschriften und Einzelbestimmungen für die mannigfachsten Beziehungen der Menschen zueinander. Es bleibt da dem eigenen Ermessen wenig überlassen. Wir hören es nicht gern, weil es unser Selbstbewußtsein niederdrückt; aber das Wort Jeremias bleibt doch wahr: Schwach ist des Menschen Herz mehr denn alles, wer kennt sich darin aus. J. W. *) Man vgl. die eingehende Darstellung bei Salomon Stein: ״Die Behandlung des Problems der Notlüge im Talmud״, Jahrbuch der Jüdiseh- Literarischen Gesellschaft V S. 225—244. 2) Man vgl. unter vielem B. ihn Pakuda: Herzenspflichten, Abt. VIII M. Ch. Luzzatto: Der Weg der Frommen, ed. Wohlg. Seite 16. m!m!!Üit