Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 296 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292962--01429-2294684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
296 Die Lüge. dem sie sich Schritt für Schritt zum Gipfel empor arbeiten, mühsam den Weg bahnen müßten und sich beim Klettern Hände und Füße wundreiben. Sie werden auch fernerhin den schön gebahnten Weg am Fuße wandeln, zum Gipfel emporschauen und bewundernd von der Höhe und der Schönheit da droben —reden. In der Erkenntnis, wie wenig das Wort wirkt, wenn es nicht mit ununterbrochener Beeinflussung verbunden ist, hätten wir uns auch kaum geäußert, wenn nicht die Erlebnisse der letzten zwei Jahre, in denen wir die Folgen der Lüge so ungeheuer stark verspüren, einen kleinen Hoffnungs- Schimmer ließen, daß doch der Eine oder der Andere sich mit seinem ethischen Besitzstand ausein andersetzt und der Bedeutung der moralischen Arbeit an sich und den ihm Anbefohle־ nen inne wird. Die ethische Erziehung steht bei allen Kulturvölkern noch immer unter dem Einfluß der Religion. Auch in Frankreich und Amerika, wo ein gesonderter Moralunterricht erteilt wird, ist dieser Einfluß noch immer stark genug. Es steht uns nicht zu, ein Urteil darüber abzugeben, wie sich die Macht der christlichen Ethik bewährt hat. Die Resultate, die zutage liegen, sollten denen, die das Judentum noch immer mit dem Stigma des Pharisäertums kennzeichnen und herab setzen wollen, Zurückhaltung auferlegen. Auch daß der Türke, der Bekenner des Mohamedanismus als der einzige Gentleman des Ostens gilt, sollte zu denken geben. Doch wir haben uns nur als Juden zu prüfen und zu fragen, wie rüstet unsere Religion uns aus für die Wahrhaftigkeit in Gesinnung und Tat. Bibel und Talmud, unsere gesamte religionsgesetzliche, ethische und homiletische Literatur beweisen dem Kenner, daß die Forderungen und Aussprüche über Lüge und Wahrhaftigkeit an dem höchsten Maßstab zu messen sind. In der unübersehbaren Literatur treten uns auch Sätze entgegen, die dem, der sie aus dem Zusammenhang reißt und die Verhältnisse, unter denen sie entstanden sind, nicht berücksichtigt, anstößig erscheinen. Aber wer den Gesamtgeist befragt, dem kann es nicht zweifelhaft sein, daß wie nach jüdischer