Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 293 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292962--01426-2294681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Lüge. 293 letzte Konsequenz als Norm gelten und es wird übersehen* daß eben die Unmöglichkeit der Durchführung das Ideal selbst aufhebt, es zum wesenlosen Schemen verflüchtigt, das nicht geeignet ist, als Wirklichkeitsziel zu dienen. in. Wir haben aber das Buch von Nordau vor allem deshalb herangezogen, weil es ein treffender Beleg ist für den dritten Punkt, den wir erläutern wollten. In dem starken Band von 350 Seiten ist nirgends von der Lüge des einzelnen die Bede. Daß die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit nur die Folge der Unmoral im kleinen sind, weil wir in den Handlungen und Äußerungen des täglichen Lebens dem Nächsten und uns selbst gegenüber unaufrichtig sind, und daß der Weg zur Einführung der Wahrhaftigkeit in die Institutionen nur über die Selbsterziehung des einzelnen geht, das kommt in diesem großen Werke, das der Besserung der Menschheit sich widmen will, nicht zum Ausdruck. Sollen wir ein entsprechendes Gemälde entwerfen von der Lüge, die das Einzelleben beherrscht? Wie wir das Lob der Wahrhaftigkeit auf den Lippen tragen und sie doch täglich und stündlich verraten? Wir müßten wohl noch ein stärkeres Buch schreiben als das erwähnte und würden das Thema nicht erschöpfen. Der Bereich der gesprochenen klar, und leicht zu ertappenden Lüge ist ja ein so verhältnismäßig kleiner gegenüber dem weiten Gebiet der UnWahrhaftigkeit, die im Verborgenen sich breit macht! Der ganze Kampf ums Dasein spielt sich heute zumeist in der tückischen Überlistung ab: die Vorsichtigen, die Diplomaten, die, denen man nie etwas Bestimmtes nach weisen kann, die ,Ehrenmänner״, das sind oft die, denen die Lüge die Leiter zum Aufstieg bot. Und wollten wir nun gar in das Innere hineinleuchten und würden wir die wirklichen Motive scheinbar ehrenhafter und unantastbarer Handlungsweise erkennen, welch ein Bild böte sich uns da! Gar nicht zu reden von der Selbsttäuschung, die in unserem Innern einen solchen Wirrwarr angerichtet, daß wir uns über die