Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 294 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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294 Die Lüge. Motive unseres Handelns selbst nicht auskennen und uns geradezu die Möglichkeit rauben, Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten. ״Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer“, sagt Schopenhauer. Beides geschieht in ausreichendem Maße, das eine von den Theologen, das andere von den Philosophen. Aber so wichtig beides ist, es führt nicht zum Ziele, solange das Predigen und Begründen sich auf Allgemeinheiten beschränkt und die Kleinarbeit vernachlässigt wird. In ihr allein, in der Kleinarbeit der berufenen Führer an dem Einzelnen und des Einzelnen an sich selbst ist die Möglichkeit gegeben, die Moral zu einem Faktor im Leben des Menschen zu machen und die Grundlage aller Moral die Wahrhaftigkeit im Innern des Menschen aufzurichten. Wir müssen es noch einmal sagen, obwohl wir es jetzt wahrlich oft genug gesagt, denn es kann nicht oft genug dem Bewußtsein eingehämmert werden, man darf nicht hoffen, daß die Menschen sich bessern, wenn man nicht den Menschen zuerst in Arbeit genommen. Nehmen wir wieder die Engländer, die uns ja als die schlimmsten Lügner hingestellt werden. Wir habenschon oben ausgeführt, daß ihr jetziger Verleumdungsfeldzug gegen Deutschland ein von ihnen mit seltener Geschicklichkeit und entsprechendem Erfolg angewandtes Mittel der Kriegführung ist, gegen das sich von dem ethischen Standpunkt, der die Berechtigung der Notlüge anerkennt, nichts sagen läßt. Anders steht es mit dem Verleumdungsfeldzug, der ein Jahrzehnt dem Kriege vorausging. Auch er diente einem bestimmten Zweck. Der tüchtige Mitbewerber, der seinen Teil vom Gewinn nahm und dessen Leistungen zu überbieten man zu bequem war, sollte in der Achtung der anderen Völker herabgesetzt, als Störenfried erkannt und isoliert werden. Wie konnten die Engländer, deren Vornehmheit der Gesinnung im Privatleben vorbildlich ist, denen die Lüge dem Nächsten gegenüber als das verwerflichste erscheint, so tief sinken? Wie konnten sie diesen ununterbrochenen Verleumdungsfeldzug dulden bei all der Wahrheitsliebe, deren sie sich dem einzelnen