Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 291 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Die I/iige. 291 der die Macht nicht lassen und von dem Recht sich auch nicht trennen will und nun vor seinem Innern die Macht als Recht zu legitimieren sucht. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, eine Apologie der Engländer zu geben. Es sollte nur nebenbei der aburteilenden Selbstgerechtigkeit zu Gemüte geführt werden, daß der Vorwurf, bei fremden Völkern herrsche die Lüge, sein großes Bedenken hat. Kehren wir zurück zu der Tatsache, daß sich für die Wahrhaftigkeit Forderung und Verwirklichung so wenig decken. Max Nordau hat in seiner Sünden Maienblüte, da er noch nicht einer der Erlöser der Judenheit war, sondern der Verfasser der ״Entartung“ der ״Paradoxe“ u. ä. ein Buch geschrieben: ״Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit“. Der Philosoph Paulsen hat es uns gegenüber in seinen Vorlesungen ein schlechtes Buch genannt. Das ist viel zu hart. Es ist einseitig naturwissenschaftlich orientiert, und es schrieb es ein Mann, dem jedes Organ für das religiöse Gefühl fehlt. Hier steht das Wort, das seitdem von so vielen Halbgebildeten aufgenommen worden, daß ״die Bibel an poetischem Wert hinter allem zurücksteht, was selbst Dichter zweiten Ranges in den letzten zwei Jahrtausenden geschaffen haben“ (XV. Auflage S. 59). Abertrotz allem ist Nordau’s Werk ein Buch, das noch heute aktuell ist und den, der es mit Verstand liest und von Einzelheiten absieht, in denen die Entwickelung einen völlig anderen Weg genommen, der die Grundidee auf sich wirken läßt, bis ins Innerste erregt. Denn hier hat der Verfasser der Kulturmenschheit die Maske abgerissen und — wenn auch mit starker Übertreibung — gezeigt, daß so ziemlich in allen Institutionen der Menschheit die Lüge herrscht: Da ist die religiöse Lüge. Der Staat besoldet Forscher, von denen der eine verdammt, was der andere lehrt. Da ist die monarchistisch-aristokratische Lüge. Die Könige, die durch Verbrechen oder zum mindesten durch sehr menschliche Mittel auf den Thron gekommen, nennen sich von Gottes Gnaden. Ein Stück Papier erhebt Streber, reiche Emporkömmlinge, Menschen, die sich zu ehrlosen Handlungen im Dienste der