Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 290 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292962--01423-2294678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
290 Die Lüge. Man hat auch hier wiederum den Engländern die tiefste Stellung zugewiesen: Wie sie das Wort geprägt für den Cant, so sei auch die Sache bei ihnen am stärksten in Schwange, und Heuchelei eine spezifisch englische Eigenschaft. Wir erinnern daran, daß auch der Gentleman eine ursprünglich englische Erscheinung ist, und die Selbstanklage, die in der Bloßstellung eines Lasters liegt, vielmehr ein Zeichen höherer Sittlichkeit bedeutet. Es war das vor allem in den ersten Monaten des Krieges ein beliebtes Spiel unserer Völkerpsychologen oder vielmehr solcher, die es zu sein dünkten, dem Feinde die sittliche Qualität abzusprechen und die Beweise hierfür aus der Selbstbeurteilung unserer Feinde zu erbringen, und es ist nur eine schwache Entschuldigung, daß die Feinde ihrerseits dies Spiel auch jetzt noch nicht aufgegeben haben und es noch viel plumper treiben. Nein, der Engländer ist nicht mehr Lügner als irgendein anderer Europäer — von den offiziellen und offiziösen Lügen im Dienste der Kriegführung haben wir schon oben das Nötige gesagt. Wenn der Widerspruch zwischen dem, was man mit den Lippen bekennt, und dem, was man tatsächlich übt, stärker in die Erscheinung tritt, so ist das aus mancherlei Umständen zu erklären. Zuerst wahre Frömmigkeit: echte Religiosität ist — man mag sagen, was man will — vor allem im englischen Bürgerstande weit verbreitet. Es ist töricht, wenn diese Frömmigkeit in Konflikt mit dem Streben nach Gewinn gerät und dabei oft erliegt, nun von Heuchelei zu reden. Der religiös Indifferente ist vor diesem Vorwurf geschützt. Sodann die strenge Disziplin, die in der allgemein ausgebildeten Wohlanständigkeit geübt wird, hat die unvermeidliche Folge, daß jeder Schritt abseits vom Wege gern in Dunkel gehüllt wird. Auch hier können wir nicht zugeben, daß der höher steht, der seine Ausschreitungen im Lichte des Tages sich spiegeln läßt. Und endlich hat die Politik, die das gigantische Weltreich schuf, sie immer mehr in den Widerspruch von Macht und Recht verstrickt, der Macht, die sie erringen mußte, dem Recht, das sie im Innern als Ideal gepflegt. Wer nie in die Versuchung kam, hat leicht über den reden,