Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 289 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Lüge. 289 digen nachstellt, mit einer Lüge abweist. ״Fragt mich,“ sagt Fiebte, ״ein bewaffneter Mörder nach Auskunft um einen, den ich im Hause verborgen habe, so darf ich den Betreffenden mit meinem Leibe schützen, aber nicht lügen, der Tod geht der Lüge vor“1). Und einer aus der Schule der intellektualistischen Beurteiler der Lüge, dem diese Konsequenz doch zu bunt ist, der aber doch nicht von dem Ideal der unbedingt und überall zu verwerfenden Lüge lassen will, weiß die Kotlüge nur damit zu entschuldigen, daß man ja nicht berechtigt sei, jede subjektiv angenommene Tatsache als wahr zu unterstellen. Dem Mörder könne man ja nicht mit Bestimmtheit sagen, daß der Betreffende wirklich da ist. Es bedarf nicht dieses Zitats, um den Nachweis zu erbringen, zu welchen Seltsamkeiten das Streben führt, eine Idee bis in die letzte Konsequenz durchzuführen, wie das Ideal auf die Spitze getrieben vielleicht noch eine Idee genannt werden kann, aber völlig ungeeignet ist, als Ideal zu gelten, d. h. dem Menschen als erreichbares und darum erstrebenswertes Ziel zu winken. Es ist mit diesem Kant-Fichteschen Ideal der Wahrheitsliebe nicht anders als mit der Feindesliebe des Neuen Testaments, die dem Bekenner des Judentums, an den seine Bibel nur die Forderung der Nächstenliebe stellt, als ein falsches Ideal erscheint, weil es völlig ungeeignet ist, als Maxime des allgemein menschlichen Handelns zu gelten. Die Forderung jener großen deutschen Philosophen: ״Den Tod lieber als die Lüge“ wird man sicherlich nicht so tragisch nehmen dürfen. Aber sie beleuchtet grell die Gefahr, die aus einem verstiegenen Idealismus jeder lebenskräftigen Moral droht. Man wird nur allzuleicht versucht sein, Theorien, die doch nicht zu verwirklichen sind, eben als Theorien zu nehmen und sich die Praxis nach seiner Bequemlichkeit einzurichten. Und so führt die Anpreisung der Wahrhaftigkeit zur größten Lüge, zu der Lüge, die in dem ungeheuerlichen Widerspruch sich kundgibt, in dem Leben und Lehre zueinander stehen. ף a. a 0 S. 69 ff.