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Jeschurun · 1916-06-01 · Heft 6 (Juni 1916) · p. Seite 288

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 6 (Juni 1916)
Date
1916-06-01
Page
Seite 288 (sequence 6)
Language
German
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288 Die Lüge. II. Diese Arbeit wurde in der Theorie auch vielfach geleistet. Ethische Werke sind in fast unübersehbarer Zahl veröffentlicht worden und überall hat man die Lüge bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgt. Es sind besonders die neueren deutschen Ethiker, die systematisch alle möglichen Formen in den Bereich ihrer Untersuchung ziehen1). Da wird auch die Lüge durch Gebärde, durch Schweigen, die Scherzlüge, die leichtfertige Lüge, die keinen schädigt, gegeißelt. Die Lüge, die durch Zweideutigkeit des Ausdrucks entsteht, durch einen inneren Vorbehalt, die der konventionellen Höflichkeitsformen. Die Lüge des Bewußtseins, die dort ihre Kraft entfaltet, wo man sich über die Beweggründe seiner Handlungen, Meinungen und Überzeugungen selbst zu täuschen sucht. Was man liebt, wird geglaubt und daher der Sieg so vieler negativer Theorien, die epidemische Verbreitung von Modekrankheiten in Geschichtsauffassungen und philosophischen Lehren. Unsere Ethiker untersuchen den Ursprung der Lüge und streiten, ob die Wahrhaftigkeit dem Menschen angeboren oder die Lüge. Beide Parteien bringen Beweise von unkultivierten Völkern. Da sind solche, denen die Lüge unfaßbar ist, andere lügen nur, um zu lügen. Aber die Mehrheit der Ethiker entscheidet sich doch für den alten Satz, daß die Wilden die besseren Menschen sind und daß mit anderen ״Segnungen“ der Zivilisation auch die Lüge zu den Wilden gekommen ist, daß sie die Waffe ist, mit der die in ihrem Dasein Bedrohten allein den Gefahren begegnen zu können hoffen, die sie täglich von ihren Unterdrückern zu gewärtigen haben. Einen sehr großen Raum nimmt in diesen Erörterungen die Beurteilung der Notlüge ein. Eine große Anzahl von Ethikern räumt der Notlüge ihr Recht ein. Aber gerade die Größten verwerfen sie um jeden Preis. Kant und Fichte verurteilen sogar den, der einen Mörder, welcher einem Unschulx) Vgl. zum folgenden die treffliche Schrift: ״Die Lüge im Urteil der neuesten deutschen Ethiker“ von Dr. Julius Jacobovits. Studien zur Philosophie und Religion, herausgegeben von Rudolf Stölzli, Paderborn.

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