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Jeschurun · 1916-06-01 · Heft 6 (Juni 1916) · p. Seite 287

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 6 (Juni 1916)
Date
1916-06-01
Page
Seite 287 (sequence 5)
Language
German
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Die Lüge. 287 Waffe sich in Notwehr befindet oder wenigstens zu befinden glaubt, so wird dieser Quell des Hasses verstopft. Vor allem aber erkennen wir, daß auch ein so klares Verbot wie das: ״du sollst nicht lügen“ nicht einfach und durchsichtig ist, daß wir selbst dort, wo wir scheinbar mit ganzem Abscheu die Lüge glaubten als verwerflich betrachten zu müssen, in einem Irrtum waren. Und auf der anderen Seite: Es gibt wohl kaum einen unter uns, dem nicht das Verhalten des deutschen Reichskanzlers vor der englischen Kriegserklärung in der schlichten Gradheit und Redlichkeit sympathisch gewesen. Die Anerkennung des Neutralitätsbruches gegenüber Belgien, die Erklärung, man werde das Unrecht wieder gut machen, der Hinweis darauf, daß man in bitterster Not gehandelt, so kann nur ein durch und durch wahrheitsliebender Mensch sprechen. Und dennoch wieviel Waffen hat der Reichskanzler da den Feinden in die Hand gegeben, wie sind seine Worte von dem ״Fetzen Papier“ ״Not kennt kein Gebot“ die Be- Zeichnung des Einmarsches in Belgien als ein Unrecht in tausenden von Reden und Schriften verbreitet worden, um die Wut der Feinde aufzustacheln, den falschen Freunden den Vorwand zum Treubruch zu geben, bei den Neutralen jede Spur der Sympathie zu tilgen. Durfte der Reichskanzler so sprechen? Es wird sehr schwer sein, auch von rein ethischem Standpunkt darauf mit einem glatten Ja zu antworten. Er war nicht Privatmann, sondern Leben und Tod Unzähliger lag da auf seiner Zunge. Vielleicht wog der Gewinn, daß da in einer Schicksalsstunde des deutschen Volkes ein Mann sprach ohne Doppelzüngigkeit, daß diese Wahrhaftigkeit das ganze Volk in nie erlebter Begeisterung mit fortriß, alle Nachteile auf, die sich später aus diesem ehrlichen Geständnis ergaben. Aber auch hier sehen wir, es ist nicht alles gesagt mit dem einfachen Wortlaut des Verbots: du sollst nicht lügen. In allen Lagen des Lebens stellt es den einzelnen, die Völker und seine Führer vor schwere Probleme. Und eine Lebensarbeit muß daran gewandt werden, will man im gegebenen Zeitpunkt die rechte Lösung finden.

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