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Jeschurun · 1916-06-01 · Heft 6 (Juni 1916) · p. Seite 286

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 6 (Juni 1916)
Date
1916-06-01
Page
Seite 286 (sequence 4)
Language
German
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286 Die Lüge. Und sehen wir nach Frankreich: Unsere öffentliche Meinung wird nicht müde, die Prahlerei und den Selbstbetrug zu geißeln, mit denen Frankreich sich über seine Lage täuscht und an Hoflhungen festhält, die doch so völlig trügerisch sind. Sie schilt die Machthaber Verbrecher, weil sie das Volk über die wirkliche Lage in Unwissenheit hält. Warum? Frankreich glaubt, daß es der überlegenen Zahl der mit ihm Verbündeten doch noch gelingen wird, wenn der Krieg nur in die Länge gezogen wird, den Kampf zum mindesten unentschieden ausgehen zu lassen. Die Führer kennen den Volkscharakter, sie wissen, daß die Franzosen nur dann zur Begeisterung zu entflammen sind, wenn ihnen ein hohes Ziel, ein entscheidender Sieg winkt. Sind die Machthaber nicht in der Lage des Arztes, der dem Patienten tröstend zuredet, weil er hofft, durch die suggestive Kraft der Überredung seine Widerstandskraft so weit zu stärken, daß der Kranke die Krise zu überstehen vermag? Und ist da nicht jedes Mittel recht, wenn es dem großen Zweck der Kettung dient? Soll es da den Führern als sittliches Vergehen angerechnet werden, daß sie dem Feinde jedweden Makel anheften und dem eigenen Volke jeden Vorzug andichten? Zumal wenn ihrer Wesensart wohl zuzutrauen ist, daß sie von der Leidenschaft übermannt, oft selber kaum zu unterscheiden wissen, wo Wahrheit ist und wo die Lüge beginnt. Diese ganz flüchtigen Bemerkungen zeigen schon, wie wertvoll es ist, sich auch über das scheinbar selbstverständliche,, wie das Verbot des Lügens, Gedanken zu machen. Sie können dazu dienen, den Haß, der in uns gegen die Feinde lodert, zu mildern. Dieser Haß hat nicht zum geringsten Teil seine Wurzel in der Erbitterung über den Verleumdungsfeldzug, gegen den wir so wehrlos sind. Haben wir uns aber klar gemacht, daß dieser Verleumdungsfeldzug eine Waffe ist wie jede andere, die dem Feinde außerordentlich wertvolle Dienste leistet, haben wir erkannt, daß sie eine ״Notlüge“ ist in eigentlicherem Sinne, als sonst je eine Notlüge als solche bezeichnet wurde, verstehen wir, daß der Feind hier mit dieser

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