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Jeschurun · 1916-06-01 · Heft 6 (Juni 1916) · p. Seite 285

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 6 (Juni 1916)
Date
1916-06-01
Page
Seite 285 (sequence 3)
Language
German
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Die!Lüge. 285 andere verarmen soU, indem mit den fürchterlichsten Waffen täglich viele tausende getötet werden, da macht ein Sitten־ richter eine sehr seltsame ]Figur, wenn er den Völkern das Lügen verbieten will. Und das, wenn es beim Lügen nicht allein um einen hohen Einsatz geht, sondern möglicherweise die Entscheidung zugunsten der einen Seite von dem Erfolg des Lügens abhängt. In Amerika ist, wie bekannt, neben einem rücksichtslosen Geschäftssinn ein warmherziger Idealismus verbreitet. Es ist kaum zu bezweifeln, daß es der tiefgehenden Frömmigkeit und dem humanen Sinn großer Kreise doch gelungen wäre, sich gegen die, welche die Blutschuld der Waffenlieferung auf sich laden, durchzusetzen. Es ist noch viel weniger zu bezweifeln, daß der Krieg längst zuungunsten des Vierverbandes entschieden wäre, wenn Amerika ihm nicht durch diese Waffenlieferungen seine Unterstützung geliehen. Ist es — die Berechtigung des Krieges einmal anerkannt — nicht durchaus zulässig, einen so mächtigen Staat wie Amerika durch die Lüge zu seinem Bundesgenossen zu machen? Ist das weniger sittlich, als täglich viele Tausende zu morden? Und wenn das Wort ״morden“ hier als ungehörig empfunden wird und der Krieg das Töten adelt, warum soll er für England nicht das Lügen adeln, das ihm viele Armeen, das Blut seiner Volksgenossen spart und vielleicht den Sieg erringen hilft? Ein anderes Beispiel: Es wäre in Italien kaum zum Treubruch gekommen, wenn die Leidenschaften des Volkes nicht mit allen Mitteln der Verleumdung aufgepeitscht worden wären. Was da an Lügen über die deutsche Kriegsführung durch die englischen und französischen Agenten in die Presse gebracht wurde, ist ungeheuerlich. ״Heute wurde die Mutter eines Kindes, dem in Belgien von deutschen Offizieren die Hände abgehauen wurden, von der Königin empfangen“, stand eines Tages in allen Zeitungen Italiens. Wir stehen fassungslös vor der Frechheit dieser Lüge. Aber wiederum: Können wir den Männern einen Vorwurf machen, denen es gelungen ist, mit diesen Mitteln ihrem Vaterland England den großen Dienst zu erweisen, ein ganzes Volk als Mitkämpfer zu gewinnen? IS*

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