Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 284 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Und wir haben endlich mit Nachdruck betont, daß jedes Streben, die Völkermoral zu heben, welche im Ernstfall die einzige Stütze für die Befolgung des Völkerrechts sein könnte, zur Unfruchtbarkeit verurteilt ist, wenn es nicht gelingt, die Moral des einzelnen zu stärken. An dem Beispiel der Wahrhaftigkeit und ihrem Gegenspiel, der Lüge soll die Giltigkeit: dieser Sätze noch einmal erläutert werden. I. Wären wir im Frieden, wir würden es nicht wagen, dies Thema anzuschlagen. Nicht wahr? Es ist so kindlich, um nicht zu sagen kindisch, von der Lüge zu reden. Nun, der Weltkrieg hat dafür gesorgt, daß zum mindesten den Bürgern der Mittelmächte die Macht der Lüge in ihren furchtbarsten Folgen vor Augen tritt. Sie wissen, daß sie einen guten Teil der Blutopfer, die sie bringen, auf das Konto der gesprochenen und geschriebenen Lüge zu setzen haben. Aber das Seltsame ist, daß keiner merkt, die Menschheit pflücke hier nur die Früchte des eigenen Tuns. Daß die Lüge nur deshalb so riesengroß anzuwachsen vermochte, weil man sie ununterbrochen in allen Beziehungen des menschlichen Lebens so liebevoll gehätschelt. Und wir belügen uns letzten Endes selbst, wenn wir das Unrecht nur auf der anderen Seite sehen und uns nicht darüber klar werden, daß wir unsererseits noch sehr weit entfernt von dem Ideal sind. Man schaudert zurück vor dem Übermaß der Lüge, mit dem vor allem England und Frankreich uns umstrickt. Aber wir vermögen das Verbrecherische darin nicht zu erkennen. Die Forderung, es müsse im Kriege reinlich zugehen, ist noch ein Überrest der Vorstellung, daß es sich da um einen ritterliehen Zweikampf handelt, in dem nach gewissen vorher ausgemachten Bestimmungen der Nachweis erbracht werden soll, wer fl er Stärkere ist und damit den Preis des Zweikampfes erringe. In dem Kriege unserer Zeit, in dem die Völker in ihrer Gesamtheit miteinander um ihr Leben kämpfen und für Menschenaiter hinaus entschieden wird, ob das eine oder das