Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1916)
- Date
- 1916-06-01
- Page
- Seite 283 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Juni 1916 3. Jahrgang Heft 6. Siwan 5676 Die Lüge. Wir haben in unseren Erörterungen über den Weltkrieg schon des öfteren Gelegenheit genommen zu zeigen, daß alles, was in ihm und durch ihn an Handlungen zutage tritt und an Empfindungen sich äußert, der beste Beweis ist, wie wenig die Moral im Leben des Menschen Wurzel geschlagen, wie nützlich es wäre, wenn die heutige Generation dem Studium der Sittenlehre einen kleinen Teil der Mußestunden widmete, wie verderblich der Satz ist: das Moralische verstünde sich von selbst. Wir haben noch auf einen anderen Punkt hingewiesen: die Übertreibung der sittlichen Forderungen, die Aufstellung eines Ideals, dessen Verwirklichung im irdischen Leben un möglich ist, führt nur dazu, daß gar nicht der Versuch gemacht wird, dem Ideal nachzuleben. Es wird dann eine Kluft zwischen dem Leben und der Idee aufgerissen, die zu überbrücken unmöglich ist. So kommt es, daß das Ideal in der Schule, auf dem Katheder, der Kanzel, der ]Rednertribüne verherrlicht wird, während in der Wirklichkeit niemand der sittlichen Forderung nachstrebt. Das Judentum, so meinten wir dann, sucht diesen Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. Es schraubt das Ideal nicht bis in den Himmel hinauf und stellt es daher leichter in des Menschen Hand, Ideal und Leben zu einer Einheit zu gestalten. 18