Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 280 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292961--01412-2294666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
280 Ein Feldpostbrief. Proletariat bleiben wird, oder zum Industriearbeiter wird er־ :zogen werden müssen? Der Handel, wie er beute dastebt, wie er auch zur Russenzeit blühte, war wohl mehr oder weniger ein Ausnutzen der Landbevölkerung, ein sich gegenseitiges Töten der eigenen Brüder. Der muß und wird aufbören. Er wird schon beute aufbören, weil es nichts zu bandeln gibt und niemand kaufkräftig ist. Wenn aber das Brot fehlt, um die Kinder zu sättigen, ist die Schule ein für die Eltern neben-;sächlicher Faktor und alle Kulturbestrebung eitel. Auch die wirklich im Lande vorhandenen geistigen Kräfte sind nicht frei für ein großes Ziel, weil die kleinen Sorgen, die so unendlich groß sind, dem Einzelnen keine Ruhe gönnen. Es wird Riesengroßes darin geleistet, von Menschen geleistet, an deren Tür selbst die Sorge klopft. Wie sollen diese Leute, die eben durch alle die Tagesfragen, oft Stundenfragen völlig in Anspruch genommen sind, für die Lebensfragen Zeit und Blick haben?! Hier sollte deutsche jüdische Organisation einsetzen, hier sollten sich alle aus allen Parteien zusammenfinden, um zu helfen. Das Geld, das dafür angelegt wird, wird gute Zinsen tragen, trotz aller Streiks, aller Schwierigkeiten, Arbeiterfragen, die natürlich nicht ausbleiben werden. Es sind doch und werden immer bleiben ״unsere teire Jidelech“ mit all ihren vielen Licht- und ebenso vielen Schattenseiten. Wenn wir ihnen Existenzmöglich־ keiten in ihrem Lande schaffen, wenn sich die Fähigkeiten entfalten können, ohne daß sich die Verhältnisse in den wesentlichsten Lebensfragen ändern, dann werden wir mit etwas Zusatz von Schule, Bildung und so fort einen wirklichen Regenerator fürs Judenvolk und Judentum an den Ostjuden haben. Wenn nicht, dann wehe uns und wehe ihnen. Entweder platzt der Kessel von all der unterdrückten Energie und verschüttet sein Inhalt uns alle mit oder sie verbrennen in dem Kessel. Es ist keine Kritik, was ich Ihnen da geschrieben habe, es ist nichts neues, es ist nur der Aufschrei eines Herzens, das manchmal nicht mehr weiß, wo ein, wo aus. 2865^360