Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 274 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292961--01406-2294660- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
CB Ein Feldpostbrief. 274 Ein Feldpostbrief1). Lieber Herr Dr. נ״י! Sie werden in meinen Zeilen wohl kanm das finden, was Sie erwarten. Es sind auch nicht Ihre Artikel, die mir die Feder in die Hand drückten, sondern die Gesamtheit der hiesigen Eindrücke. Ihre Ausführungen haben nur manches in mir gelöst, was noch schlummerte. Es wird auch wieder nichts Ganzes, Zusammenhängendes werden, was ich Ihnen zu berichten weiß, noch weniger werden Sie alles verwerten können. Also zunächst: Nach meinem Ermessen ist die Ostjudenfrage nicht in der Hauptsache durch das Bildungsproblem zu lösen. Was hier zu tun ist, wird zum großen Teil — und wie wir wohl gemeinsam annehmen — aus dem Volke heraus ganz gut gelöst werden. Und wenn selbst Fehler unterlaufen, so schwerwiegend werden sie nicht sein, daß das Wohl und Wehe damit unbedingt verknüpft ist. Selbst die Fehler, die von Seiten der Verwaltung gemacht werden und die nicht zu verhindern sind, ob mit jüdischem Beirat oder ohne diesen, oder noch schlimmer mit schlechtem Beirat — sie alle werden wettgemacht werden durch die Jungfräulichkeit des Saatbodens. Wieder umgepflügt und mit anderem Dünger versetzt, oder nur *) Schreiber dieses Briefes ist Vf. der Skizze ״Bilder aüs Litauen“ {Jeschuran II S. 585—590). Wie sich schon aus jener Schilderung ergibt, ist er ein kundiger Beurteiler der Verhältnisse. Wir fügen aus unserer Kenntnis seiner Persönlichkeit hinzu, daß er ein!ב( תורד ist und mit Herz und Seele dem überlieferten Judentum anhängt. Er will mit seinen folgenden Ausführungen sicherlich nicht gegen das Sachliche in unseren drei Aufsätzen über ״Deutschland und die Ostjudenfrage״ polemisieren. Er ist nur der Meinung, daß die Lösung des Bildungsproblems eine cura posterior sei. Wer jedoch weiß, wie starke Kräfte an der Arbeit sind, das Bildungsproblem im Sinne einer dem überlieferten Judentum feindlichen Tendenz zu lösen, der wird ihm nicht zustimmen können Auch handelt es sich ja nicht darum, daß wir den Kulturaufgaben große pekuniäre Mittel zur Verfügung stellen, die wir den sozialen entziehen. Auf jeden Fall wollten wir die wertvollen Ausführungen des verehrten Autors, in dem Geist und Gemüt eine so gute Mischung geben, unserem Leserkreis unterbreiten. Der Herausgeber.