Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 266 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292961--01398-2294652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
266 Moses Maimonides. Vernunft ohne jeden Vorbehalt. Obwohl er sich vollständig dessen bewußt war, daß die Annahme der Theorie von der ״Ewigkeit der Welt“, wie Aristoteles sie aufstellt, mit der Zerstörung jeder positiven Religion gleichbedeutend ist, weist er diese Lehre nicht deshalb ab, weil sie anti-religiös, sondern weil sie nicht genügend bewiesen ist. Er spricht in sarkastischen Ausdrücken von den mohamedanischen Philosophen und ihren jüdischen Nachtretern, die sich mit einem künstlichen Ausgleich von Religion und Philosophie begnügen und die Tatsachen nicht so nehmen, wie sie sind, sondern wie sie nach ihrem Wunsche sein sollten. Aber wir würden die Stellung Maimonides’ völlig mißverstehen und ihm großes Unrecht tun, wenn wir ihn ausschließlich als Rationalisten betrachten. Maimonides erklärte die Vernunft für die höchste Autorität in philosophischen und geistigen Dingen. Aber er war nicht einer jener einseitigen Rationalisten, jener beschränkten ״Maskilim“, die den Menschen als eine denkende Maschine betrachten, als einen vernunftbegabten Automaten, der nur antwortet, wenn man eine logische Formel hineinwirft, die auf die alte, gräßliche Lehre des Sokrates schwören, daß der Mensch nur die Tugend erkennen muß, um sie zu üben. Maimonides verstand besser als irgend einer seiner Vorgänger und Zeitgenossen, daß das menschliche Leben nicht von Gedanken und Formeln, sondern von Willensregungen beherrscht wird, daß daher Gedanken erst in Willensbewegungen umgewandelt werden müssen, um eine reale Macht im Leben zu werden. Gerade so wie die Himmels- Sphären nach der Überzeugung des Maimonides erst dann zu kreisen beginnen, nachdem ihre logische Betrachtung Gottes ein psychologisches Sehnen nach Gott geworden, so können menschliche Handlungen in Bewegung gesetzt werden nicht durch die Erkenntnis der Wahrheit, sondern durch das sehnsüchtige Streben nach Wahrheit. Diese Auffassung kennzeichnet Maimonides als einen großen Pädagogen. Denn ein Erzieher sein heißt, die menschliche Natur verstehen, imstande sein, sich in die Seele eines andern zu versetzen, einen Maßstab zu