Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 265 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Moses Maimonides. 265 wissen“, schreibt Maimonides in einem Briefe an seinen Schüler, ״daß ich bereit bin nachzugeben, obwohl es mir in den Augen der Menge sehr schaden wird. Und wer es unternimmt, seine eigene Vollkommenheit durch meine Unvollkommenheit zu beweisen, und wenn er selbst der letzte meiner Schüler ist — ich verzeihe ihm bereitwilligst.“ Ich könnte zahlreiche Stellen der gleichen Art anführen, die die bewundernswerte Liebens- Würdigkeit von Maimonides Charakter beweisen. Aber wir müssen zu unserm Gegenstand zurückkehren und zeigen, in welcher Weise Maimonides seine Aufgabe löste. Diese Aufgabe verlangte ungeheure, beispiellose Kräfte, die sich vereint nur bei Maimonides finden konnten. In erster Linie hatte er das unvergleichliche Wissen, er, der immer auf der Wanderung, ohne ein Buch zur Verfügung zu haben, im Alter von 23 Jahren seinen weit angelegten Kommentar über die Mischnah verfaßte, der fast alle Zweige menschlichen Wissens berührt. Maimonides war einer der größten Systematiker, die jemals gelebt haben. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, das, von Nichtjaden aufgebracht, von Juden gläubig nachgesprochen wird, daß unser Volk unsystematisch sei. Aber wenn die Juden nur den einen Maimonides hervorgebracht hätten, würden sie die Nichtigkeit dieser Beschuldigung bewiesen haben. Maimonides war ein Schriftsteller von außerordentlicher Kraft und Eleganz. Aber Maimonides war viel mehr. Er war, und dies ist vielleicht sein größtes Verdienst, nicht nur ein logischer, sondern auch ein psychologischer Kopf. Das ist ein sehr bedeutsamer Punkt. Maimonides wird gewöhnlich als ein Rationalist hingestellt, und mit Recht. Vernunft, Denken ist der Maßstab, mit dem er alles mißt. ״Niemals soll der Mensch“, sagt Maimonides in seiner Antwort an die Juden von Marseille, ״seine Vernunft in den Hintergrund treten lassen, denn seine Augen sind nicht hinten, sondern vorn.“ Dies folgt notwendigerweise aus seinem System, nach dem das Denken die höchste Bestimmung der Menschheit ist und der einzige Weg, um bis zu einem gewissen Grade die göttliche Vorsehung und Unsterblichkeit zu erfassen. Er folgt seiner