Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1916)
- Date
- 1916-05-01
- Page
- Seite 260 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292961--01392-2294646- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
260 Moses Maimonides. springen dem menschlichen Verstand, der, bewußt oder unbewußt, von menschlichen Willensregungen beeinflußt wird, denen das Leben ihre Richtung vorschreibt. Nicht als ob Maimonides Wissenschaft und Philosophie aus Rücksicht auf die Anforderungen des Lebens fälschen wollte, aber sein geniales Auge gewahrte die unsichtbaren Fäden, die von dem abstrakten Gebiete des Denkens zu dem festen Boden der Wirklichkeit laufen, und er formte die tote Masse des Wissens in lebendige Kraft um. Auf diesem Wege förderte er die wahren Interessen der Wissenschaft. Denn wie unsere Weisen sagen: כי־ול תלמוד ״ שמביא לידי מעשהGroß ist das Wissen, das zur praktischen Tat führt“, oder, wie der Begründer der modernen jüdischen Wissenschaft (Zunz) es ausdrückt: ״Wahre Wissenschaft ist taterzeugend. Und das Leben gab in dieser Zeit dem jüdischen Volke eine schwere Aufgabe auf. Es war nichts weniger als die Frage der Erhaltung des Judentums. Die Sonne dieser Epoche hatte ihren Höhepunkt nicht nur im geistigen, sondern auch im politischen Leben überschritten. Der Islam, zu dessen Hauptgeboten der ״jihäd“, der Kampf gegen die Ungläubigen, gehört, war gegen die Juden unendlich viel milder als das Christentum mit seiner theoretischen Grundlehre der Menschenliebe. Aber im Laufe der Zeit lernten die Mohamedaner von den Christen. Eine Periode der Verfolgungen begann. Die fanatischen Almohaden, die ״Unitarier“ des Islam, traten in Nordafrika auf und zwangen die Ungläubigen, zwischen Austreibung und Bekehrung zu wählen. Im südlichen Arabien, im Yemen, war die Lage die gleiche. In den meisten christliehen Ländern waren die Juden kaum glücklicher. Überall war die Lage unsicher, die Wohlfahrt der Juden hing von der Laune der Regierenden ab. Schwere Stürme zogen herauf. Es galt, das Schiff des Judentums so auszurüsten, daß es imstände war, dem drohenden Sturmwind zu widerstehen. Wohl war genügender, ja reichlicher Proviant hierzu vorhanden. Aber die Frage war, wie den besten Gebrauch davon zu machen. Wir kennen nicht genau genug die geistige Atmosphäre