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Jeschurun · 1916-05-01 · Heft 5 (Mai 1916) · p. Seite 259

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 5 (Mai 1916)
Date
1916-05-01
Page
Seite 259 (sequence 25)
Language
German
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Moses Maimonides. 259 nähernd eine Vorstellung von der Schaffensfülle Maimonides’ in ihrer vollen Ausdehnung zu geben, müßte man den un\ergleichlieh systematischen Geist eines Maimonides besitzen. Es mag daher gestattet sein, hier nur die charakteristischen Hauptzüge in Maimonides zu behandeln und die übrigen nur vorübergehend zu berühren. Als Maimonides auf dem Schauplatz der Geschichte erschien, hatte die Sonne der jüdisch-arabischen Epoche schon ihren Höhepunkt überschritten. Mehr als vier Jahrhunderte hatte diese Sonne am Himmel des Judentums geleuchtet, hatte tausende von Keimen zum Knospen, hatte eine reiche Ernte zur Reife gebracht, von der wir noch heute zehren. Zahlreich und mannigfaltig waren ihre Früchte. Das geistige Erbe des Judentums wurde in allen Richtungen durchforscht. Die Wissenschaft des Judentums blühte in unvergleichlicher Schönheit auf. Die Bibel, die hebräische Sprache, die hebräische Dichtung, der Talmud, die Halacha, alles wurde der Gegenstand höchst sorgfältiger und erfolggekrönter Studien. Andererseits wurden die Ideen und die geistigen Strömungen der Zeit auf das eingehendste durchforscht, und manche Versuche unternommen, sie mit dem Gehalt des Judentums zu vereinigen. Maimonides, der alle seine Vorgänger an Fähigkeit und Wissen überragte, übertraf sie auch alle im Erfolg. Er machte das ganze geistige Gut der Epoche zu seinem ureigensten Besitz. Auf dem Felde der jüdischen Wissenschaft wie der nichtjüdischen Gedankenweit brachte er die Versuche zur Vollendung. Er war ein größerer Gelehrter, ein größerer Philosoph als alle seine Vorganger, aber der Zug, der ihn von allen anderen unterscheidet und seine Ausnahmestellung begründet, ist, daß er, ganz anders als jene, mit vollem Bewußtsein die Aufgabe auf sich nahm, Wissenschaft und Denken für das Leben nutzbar zu machen. Wir sind heutzutage gewöhnt, uns des Besitzes einer reinen Wissenschaft zu rühmen, einer absoluten Philosophie, die unabhängig von Zeit und Raum ist und keine Rücksicht auf die Anforderungen des Lebens nimmt. Letzten Endes ist dies aber nur Selbsttäuschung. Wissenschaft und Philosophie ent-

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