Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 230 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292960--01359-2294612- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
230 Die alte Zeit. werde ich jenen Tag nicht vergessen. Sein Sohn Isaae, jetzt Doktor, war auch mit seiner Frau und seinen beiden Bändern, einem siebenjährigen Knaben und einem fünfjährigen Mädchen, hierher gekommen. Sie scheinen wohlhabend zu sein. Isaaes Frau war sehr elegant gekleidet, und die schönen Kinder waren wie Prinzen geschmückt. Sie kamen, um Abschied von ihrem Vater zu nehmen. Der Raw ging, in Gedanken versunken, in seinem Zimmer auf und ab. Die letzte Stunde war gekommen. Da nahm er seine Enkel auf den Schoß, legte seine Hände auf ihr Haupt und seine Lippen sprachen ein Gebet oder einen Segen, ganz wie der Patriarch Jacob. Dann erhob er sich, trat auf seine Schwiegertochter zu und faßte sie an der Hand. Tränen entströmten seinen Augen, und wieder ging ein Zittern durch seine Stimme: „Versprich mir, liebe Tochter, daß du deine Kinder jüdisch erziehen wirst . . „Ja, Vater“, antwortete sie. Dann fiel er seinem Sohn um den Hals und weinte, und unter Schluchzen flehte er: „Mein Sohn, bleibe Jude!“ Glaubt mir, unter allen Anwesenden gab es keinen, dem die Augen nicht übergingen. Auch die Frau Doktor wischte sich die Augen. Und meinen Augen entströmten die Tränen wie ein Bach. Selbstverständlich begleitete ihn die ganze Stadt, groß und klein. Mir gab er zum Andenken seinen „Siddur“. So kann ich ihn keinen Augenblick vergessen. Wenn ich bete, wenn ich in den Psalmen lese, immer steht mir das Bild des Raw vor Augen. Sechs Jahre lebte unser Raw in Jerusalem. Im vergangenen Jahre kam die Nachricht, daß er das Zeitliche gesegnet. Das Andenken des Frommen sei gesegnet! Und ich muß es noch einmal sagen*. Es gibt heutzutage nicht mehr solche Menschen. Nein! es gibt keine!