Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1916-04-01 · Heft 4 (April 1916) · p. Seite 229

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 4 (April 1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 229 (sequence 53)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2292929-2292955-2292960--01358-2294611
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die alte Zeit. 229 an ihm war das Herz, ein wahrhaft jüdisches Herz, und nur deswegen liebte ihn die ganze Stadt. Er war bereit, für einen Juden sein Leben zu opfern. Nie sah ich ihn aufgeregt, nie hörte ich ein lautes Wort aus seinem Munde. Auch als ihn das Unglück mit seinem Sohne traf, da weinte er nur viel .... sonst nichts. Und was war das für ein großes Unglück! Er hatte nur einen einzigen Sohn, der hieß Isaac. Der Knabe war ein „Illuj“ und sein Vater glaubte sicher, er würde einst ein „Gaontt werden. Aber in seinem sechzehnten Lebensjahre, er lernte damals in der Jeschiwa Wolozin, besann er sich eines anderen, gab das Thorastudium auf und ging nach dem Auslande, um dort Medizin zu studieren. Wie viele Tränen vergoß der Raw über dies Unglück! Wie viele schlaflose Nächte kostete ihm das! Fragt nur den Schameß Perez, er kann’s euch sagen. Er hat es gesehen und erfahren. Aber was kümmern sich die Kinder um die Tränen der Eltern?! Ich denke noch an den Sabbat vor seiner Abreise. Die Synagoge war von Menschen überfüllt, die alle gekommen waren, um die Abschiedspredigt zu hören. Aller Augen waren auf den Raw, der auf der Kanzel stand, gerichtet. Sein Antlitz war verklärt, es sah wirklich so aus wie „die Herrlichkeit Gottes“. Und dann vernahm man seine Stimme, sie zitterte; und die Worte drangen ins Herz, rührten alles auf und weckten, was tief unten schlummerte. Ewig schade, daß mein Gedächtnis so schwach ist, daß ich jetzt seine Worte nicht wiedergeben kann. Doch soweit ich mich erinnere, sprach er davon, wie wertvoll der Frieden sei und bat die Zuhörer, sie möchten auch nach seiner Abreise dem Satan des Streites keinen Einlaß in der Gemeinde gewähren. „Ich werde an der Klagemauer stets für euch beten“, — das waren seine Worte. Viele weinten bei dieser Predigt trotz des Sabbat. Am Dienstag trat er seine Reise an. Tn meinem Leben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.