Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 226 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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22 6 Die alte Zeit. Mitleid mit dem alten Mann. Und in mir steigt die Erinnerung auf an den Tag seiner Abreise. Es war ein strahlend-heißer Sommertag. Den Abend vorher trug er zum letztenmal im Vereine vor. Ebenso wie im Monat Elul legte er den Chaje- Odom beiseite und hielt eine eindringliche Mahnrede: alle Zuhörer schwammen in Tränen. Dann wurde Maariw gebetet und darauf verabschiedete er sich von seinen Schülern. Er küßte jeden und segnete jeden mit entsprechenden Worten. Es war ein Vater, der von seinen Kindern Abschied nimmt. Und in der Nacht, als keiner außer mir im Beth-Hamidrasch anwesend war, ging R. Jeruchom hinein, trat an die Heilige Lade heran, schob den Vorhang zur Seite und neigte sein Haupt gegen die Stelle, wo die Thorarollen standen. Einige Augenblicke herrschte Schweigen. Doch plötzlich hörte ich ein herzzerreißendes Schluchzen. Es durch schauerte mich, ich konnte mich nicht fassen. Nachher ging er an alle Bücherschränke und küßte sie; eine Viertelstunde ungefähr verweilte er an seinem Lernpult. Dann verließ er langsamen Schrittes das Beth-Hamidrasch. Des Morgens begleitete ihn die ganze Stadt. Draußen verabschiedeten wir uns mit Tränen in den Augen und gebrochenen Herzens. Ihr könnt’s mir glauben: Als ich wieder in der Stadt war, war ich so betrübt, wie nach der Beerdigung des Dajan R. Nachum. Wenn ich mich nicht scheute, es auszusprechen, würde ich sagen vielleicht noch viel viel mehr . . . Und der alte Raw! .... Wißt ihr wer der alte Raw war? Auch jetzt haben wir einen würdigen Raw. Man sagt, daß er schon drei Werke geschrieben hat. Auch sein profanes Wissen soll sehr bedeutend sein. Zweifellos ist er trotz seiner Jugend ein bedeutender Mann. Er ist mir gegenüber höflich und bescheiden. Er redet mich mit „Sie“ an, erkundigt sich von Zeit zu Zeit, wie es meiner Familie geht . . . und doch — ich kann?s nun einmal nicht leugnen: mein Herz fühlt sich zu ihm nicht hingezogen.