Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 214 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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214 Max Brods Roman „Tycho Brakes Weg zn Gott“. choth S. 3 a): Als Rabbi Jose einmal auf Reisen war und in den Ruinen Jerusalems betete, da hörte er, kurz nach der Begegnung mit dem Propheten Elija, eine göttliche Stimme (rG ^p), girrend wie eine Taube; sie sprach: „Bei Deinem Leben und bei dem Leben Deines Hauptes! Nicht in dieser Stunde allein spricht Er so, sondern Tag für Tag dreimal spricht Gott: Wohl dem König, den man preist in seinem Hause. Was aber bleibt dem Vater,den seine Kinder verlassen haben?“ 1). Diese Worte des weisen Rabbi wirken wie Himmelslicht auf den grübelnden Tycho. Er hat den Weg zu Gott gefunden2). Aus dieser kurzen Analyse ersehen wir schon, daß der Dichter bemüht ist, Tychos Weg zu Gott in einem allgemeinethischen, jüdischen Gedanken gangen wohl vertrauten Ideal ausklingen zu lassen. Wir erkennen das Bestreben des Verfassers, das Lebensbekenntnis Tychos und die Weisheit des hohen Rabbi Löwe in eine Harmonie zu bringen. Die zwei streitenden Elemente in Tycho: die kühle Berechnung des Forschers und der leidenschaftliche Gefühlsüberschwang seines Temperamentes, höchste Bewußtheit neben höchster Innigkeit des Fühlens, hier, im hohen Rabbi Löwe sind sie nicht im Streite, sondern zu einer Einheit geworden. Daher gelingt ihm auch die tiefste und letzte Wandlung Tychos, dieses ruhelosen Feuergeistes. „Heute aber mußte sich Tycho das Rätsel *) Diese Stelle lautet im Original: *6 P1J2 C7V2N }rÖV SjJD cr6 Was bleibt dem Vater übrig, der seine Söhne verstößt, und wehe den Söhnen, die vom Tische ihres Vaters vertrieben sind! Diese Stelle, die ursprünglich wohl nur auf das innige persönliche Verhältnis Gottes zu Israel im Exil sich beziehen sollte, hat Max Brod in freier dichterischer oder vielmehr homiletischer Weise auf das Verhältnis Gottes zu allen Menschenkindern gedeutet. 2) Vergegenwärtigen wir uns das Grandiose dieser Vorstellung: Gott braucht die Hilfe der Gerechten und Guten, Mensch sein heißt Helfer Gottes sein. Dieses Schlußglied höchster Lebenserkenntnis reicht fast übe-r das faustische Ideal hinaus; Faust findet seinen Weg zu Gott selbst nicht zurück, Tycho endet dagegen versöhnt mit dem Leben und Gott, Zeitliches wird zu Ewigem, unser Handeln gewinnt etwas Göttliches. Hier ist somit Jüdisches und Allgemein-Menschliches, Religiöses und Tiefphilosophisches zu einer schönen Synthese vereint.