Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 212 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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212 Max Brods Roman „Tycho Brakes Weg zu Gott“. sondern auch Laubbäume zum dauernden Grünen in großangelegten Treibhäusern bringen, seine ungebändigte Natur, sein Renaissancemenschentum will keine gottgewolltenSchranken anerkennen1); aber ach! todeswund sinkt er von seinem Höhenflug herab. Er, der Fürst im Reich der Ideen, kann die Verhältnisse zu keiner Zeit meistern, die Kleinlichkeiten des Daseins zwingen ihn immer wieder auf die Knie. Enttäuschung, Mißgeschick zeichnen seinen Lebensweg; Freunde täuschen, Fürsten verlassen ihn, die Ehe bricht ihn, eine Kette häuslicher Unerquicklichkeiten raubt ihm die Ruhe zur Arbeit. Er zieht die Summe seines Lebens, sie befriedigt ihn für den Augenblick und befreit ihn aus Gedankennot, aber nur um ihn später in schweren Zweifel und qualvolleres Suchen zu stürzen. Dies ist die Frucht seines Grübelns: kein menschliches Glück ist dauernd (vergleiche Koheleth), umringt sind wir von ewigen Unvollkommenheiten, schmerzvoll trauernd stehen wir vor allem halb vollbrachten Menschenwerk. Aber gerade dieser Schmerz ist unsere Größe, der Stachel, wie Tycho sagt, der uns am Leben erhält. Wir Menschen sind aufeinander angewiesen, ein ewiges gemeinsames Schicksal schmiedet uns zusammen. Hier aber liegt unser einziges Glücksbewußtsein, ein Bewußtsein unserer menschlichen Unzulänglichkeit, unserer Sündenmöglichkeit, unserer Bereitschaft zu werktätiger Hilfe und Liebe*. Diese erheben uns hoch über alle Erdeniedrigkeit. „Sieh deinen Mißerfolg, sieh den Teufel, der triumphiert; und dennoch, obwohl alles vergeblich und sinnlos ist, hilf und hilf und hilf ,.(S. 319)2). Und an anderer Stelle:“ „Ob ich helfe oder nicht helfe, immer geschieht zwar das Böse und niemals darf ich mich freuen. Niemals vollbringe ich es. Und dennoch zu helfen, -dennoch, dennoch, ist das nicht Gottes Sache, gerade dies — Gottes Sache?“ Hier also setzt wieder *) Erinnern diese Pläne nicht an Marlowe’s „Tamerlan“, der Pfeile gegen den Himmel schießen läßt, um Gott zu trotzen? 2) Ygl. die Schlußworte in Ibsens „Brand“: Brand: Reicht nicht zur Errettung auch Menschenwillen quantum satis? Eine Donnerstimme: (von oben) Er ist Deus carcitatis!