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Jeschurun · 1916-04-01 · Heft 4 (April 1916) · p. Seite 208

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 4 (April 1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 208 (sequence 32)
Language
German
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208 Deutschland und die Ostjudenfrage. richten, das dem Ostjuden vorschwebt. Denn in ihm spricht sich Wesen und Charakter eines Volkes am sichersten aus. Wir haben nun nicht gefunden, daß die zahlreichen Veröffentlichungen, welche die Ostjudenfrage bisher hervorgerufen, auf diesem wichtigen Punkt mit genügender Ausführlichkeit und vor allem im eigentlichen Geiste des Ostjudentums eingegangen wären. Auch das oben erwähnte Februarheft der „Süddeutschen Monatshefte'4, das doch ein Bild von allen materiellen und geistigen Triebkräften im Ostjudentum zu geben sich bemüht, versagt hier1). Gerade, weil die äußere Form, in der die Ostjuden dem deutschen Beobachter entgegen treten, was Körper und Geist betrifft, wenig Gewinnendes an sich hat, ist es von Wichtigkeit, ihm einen Einblick in das innere Seelenleben zu geben. So Treffende s”nun Nachum Goldmann in dem erwähnten Heft „Zur Psychologie der Ostjuden44 bemerkt, ganz ausgezeichnet ist, z. B. die Erklärung für das oft mangelnde Ehrempfinden der Ostjuden im Verkehr mit den Nichtjuden, so sehr bedarf es der Ergänzung und der Berichtigung. Aus diesem Aufsatz wie aus den anderen gewinnt man nicht den Eindruck* was alles der Talmud und sein Studium als Bildungsideal und Bildungsmittel für den Juden bedeutet. Der praktische Zweck dieser unserer Ausführungen ist aber vor allem, die verantwortlichen Stellen mit Nachdruck darauf hinzu weisen, daß auch für das höhere Schulwesen, wie es sich das Ostjudentum in seinem privaten und organisierten Talmudunterricht geschaffen hat, das Leitwort sein muß: Reform und nicht Revolution. Deutsche Ordnung und deutsche Organisation stellen Kräfte dar, die, so paradox das klingt, 1; In Betracht kommen hier nur die beiden Aufsätze von Lazarus Abrainson „Der ostjüdische ßabbiner“ und „Ehe, Scheidung und Totenkultus“. Sie können schon deshalb, weil sie einen zu kleinen Ausschnitt behandeln, naturgemäß kein rechtes Bild geben. Sehr bedauerlich ist es, daß wir in solchen Aufsätzen, für die doch wirklich Kundige in genügender Zahl zur Verfügung standen, groben Schnitzern begegnen. Der schlimmste ist wohl, daß auf Seite 797 mitgeteilt wird: ein Kohen (Aronit) dürfe keine Ehe mit einer Witwe eingehen.

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