Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 207 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ost judenf rage. 207 Aufsatzes erzählt uns, daß die Jeschiwothjünger von heute nicht weltfremd, sondern über alle Bewegungen aus der neuhebräischen Literatur unterrichtet sind. Um so schlimmer! Wenn sie die Zeit, die sie darauf verwandt, dazu benutzt hätten, um nach geordneten pädagogischen Grundsätzensich Kenntnisse der Geometrie und Algebra, der Geschichte und Geographie usw. anzueignen, eine anerkannte Kultursprache — bis jetzt ist das Jüdisch-Deutsche nun einmal eine solche nicht — fehlerlos zu sprechen und zu schreiben, dann hätten sie in Verbindung mit dem gewaltigen Bildungsstofl^ der ihnen aus dem Talmudstudium zugeflossen, mit jedem „Gebildeten“ wetteifern können* sie wären jederzeit imstande, sich in eine fremde Materie hineinzuarbeiten, sie könnten sich von der rechten Stelle beraten lassen, ihre eigene Meinung abgeben, kurz so wirken, wie die geistigen Führer Israels in allen Perioden der jüdischen Geschichte es getan2). Wir lassen es uns nicht einreden, daß der Geist des Judentums immer tiefer gesunken und die Vereinigung profunden Talmudwissens mit elementarer profaner Bildung, auf die etwa zwei Stunden den Tag verwandt wird, unmöglich ist. Auch jetzt bleibt der Unbefähigte zurück, und der Begabte wird auch dies Hindernis zu nehmen wissen. Wie für die Chedarim, so sind auch für den Jeschiwoth diese Reformen innerhalb des überlieferungstreuen Judentums im Osten selbst gefordert und zum Teil verwirklicht worden. Die Idee hat also Wurzel geschlagen und der Anfang zu ihrer Ausführung ist gemacht. Nachdem durch den Krieg die Verhältnisse eine so katastrophale Umwandlung erfahren, wird es bei der Neuorganisation, die jetzt und nach dem Kriege überall wird einsetzen müssen, ein Leichtes sein, die Reformen einzuführen. Aber was geht dies alles Deutschland und die deutsche Verwaltung im besetzten Gebiete an? Wir meinten, es müßte von Wichtigkeit sein, sie über das Bildungsideal zu unter- 2) Es bedaTf wohl kaum der ausdrücklichen Erklärung, daß es an solchen Männern auch heute im Ostjudentum nicht völlig fehlt.