Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 206 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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2o6 Deutschland und die Ostjudenfrage. Tragweite erfassen will, den jüngst erschienenen Aufsatz von Rabb. J. Weinberg „Die Jeschiwoth in Rußland“ nachzulesen1). Er wird freilich aus diesem Aufsatz zugleich ersehen, wie sich allmählich nach der ersten Trennung und der Schärfe des Kampfes die Heilung vorbereitet. Wie durch den Gegner und den Gegensatz beeinflußt, zuerst „die Methode“ der allzu gymnastischen Geistesübung in die Bahn des soliden logischen Denkens einlenkt, wie dann die Bestrebungen einsetzen, im Lehrhause dem Moralunterricht einen besonders weiten Spielraum zu gewähren: wie aber die andere Seite, nicht minder entgegenkommend, die Abneigung gegen die Verstandesbildung immer mehr ablegt, dem Talmudstudium und seiner alten Methode sich nähert. V. Wir haben, um dem westeuropäischen Leser die Bedeutung des Talmudstudiums darzulegen, um das Verständnis durch den Vergleich mit modernen Institutionen zu erleichtern, von der „Einheits“- und ..Erziehungsschule“ gesprochen. Aber selbst, wenn wir die Utopie der zu Anfang geschilderten westeuropäischen Einheitsschule uns verwirklicht denken, so würde das Talmudstudium, wie es jetzt innerhalb des Ostjudentums getrieben wird, der Forderung deshalb nicht gerecht werden, weil jeder profane Unterricht ausgeschaltet ist. Hier müßten unbedingt Reformen einsetzen, genau wie wir dies für die Chedarim gefordert haben. Keine „Erziehungsschule“ kann darauf verzichten, wenigstens in elementaren Dingen „Lernschule“ zu sein. Keine romantische Schwärmerei für die Vergangenheit, keine Ehrfurcht für das Bestehende kann uns hindern, einen Zustand als unhaltbar anzusehen, der dahin geführt hat, daß die „Großen in Israel“ innerhalb des Ostjudentums nicht befähigt sind, mit den weltlichen Mächten zu verkehren und ihre Sache selbst zu vertreten. Was in der jüdischen Geschichte zu allen Zeiten verwirklicht wurde-), ohne daß die Thorakenntnis darunter Schaden litt, das muß auch heute möglich sein. Der Vf. des erwähnten b Jesehurun III. Jahrgang, Heft 1 und 2. 2j Man vgl. das obenerwähnte Werk von M. Güdemann a. a. O.