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Jeschurun · 1916-04-01 · Heft 4 (April 1916) · p. Seite 205

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 4 (April 1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 205 (sequence 29)
Language
German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 205 Kenner der Verhältnisse hat je behauptet, daß es nur der Aufhebung einiger Beschränkungen bedürfte, damit die Ostjuden „ so strahlen, daß alle Nichtjuden in ihrem Glanzeherumlaufen können“. Aber befreit von der steten Furcht für ihr Leben, von der ununterbrochenen Sorge um das kümmerlichste tägliche Brot, von dem Zwang, alle Mittel anzuwenden, um nur das kläglichste Dasein fristen zu können, würden sie ihrer Bildung gemäß sich entsprechend entfalten und sich im Leben bewähren. Zu den äußeren kommen noch innere Gründe, die für die ideale harmonische Bildung, welche das Talmudstudium an sich zur Folge haben müßte, ein Hindernis sind. Das Talmudstudium hat nämlich, wie jedes Unterrichtswesen, eine Geschichte und in den anderthalb Jahrtausenden, die seit dem Abschluß des Talmuds verflossen sind, ist es in den verschiedenen Ländern und in den verschiedenen Zeiten sehr verschieden getrieben worden. In dem erwähnten Buche von Güdemann *) mag man nachlesen, wie tiefgehend dieser Unterschied (selbst in dem gleichen Zeitalter) in zwei verschiedenen Ländern, in Spanien und Nordfrankreich gewesen und wie dieser Unterschied einerseits in der Kulturlage begründet war, andrerseits auf die ganze Denkart der Juden in entscheidendem Maße eine Rückwirkung übte. Im Ostjudentum der Neuzeit hat nun aus Gründen, die näher hier darzulegen unmöglich ist, das Talmudstudium die Richtung auf das rein Intellektuelle genommen. Die Entstehung des Chassidismus, der die Bedeutung der Gemütsbildung in den Vordergrund rückt, ist zu einem nicht geringen Teil als Reaktiongegenjene einseitige Verstandesbildung zu erklären. So wurde das Talmudstudium, das an sich geeignet ist, beide Seiten des Seelenlebens in gleicher Weise zu bilden, in zwei Teile gerissen, und wie das bei einer Spaltung zumeist die Folge ist, jede Gruppe überbot sich in der Verherrlichung ihres Anteils und entfernte sich dadurch immer mehr von der anderen. Wir müssen den Leser noch einmal bemühen und ihn bitten, falls er diesen Vorgang in seiner rechten Bedeutung und *) „Geschichte des Erziehungswesens usw.“ Band II, S. 40ff.

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