Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 204 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Deutschland und die Ostjudenfrage. Menschen hinstellen zu wollen, die Verstandes- und Gemütsbildung in sich harmonisch vereinen. Aber die Schuld liegt hier nicht am Talmud. Wir bringen im vorliegenden Heft eine Skizze: „Die alte Zeit“. Hier werden von einem neuhebräischen Dichter, dem jede Tendenzmalerei fernliegt, Gestalten vorgeführt, wie sie die Talmudschule zu Hunderten, zu Tausenden erzogen. Wir müssen dem Leser die Lektüre dieser Skizze dringend ans Herz legen. Denn hier nimmt das, was bei uns durch den Versuch der Beweisführung von des Gedankens Blässe angekränkelt ist, durch des Künstlers Hand lebendige Gestalt an. Das sind die Menschen von vollendeter Geistes- und Herzensbildung, die die Harmonie ihrer Seelenkräfte der Talmudschule verdanken. Daß die geschilderte Erziehung so oft versagt, ist vor allem in den politischen und sozialen Verhältnissen begründet. Wie sagt doch Heine im „Prinzessin Sabbath“? „Hund mit hündischen Gedanken“. Das mußte und muß der Jude den herrschenden Gewalten gegenüber und im Erwerbsleben sein, wollte er leben. „Auf dem Boden der Thora,“ sagt der christliche Gelehrte Herford1), „war Baum für ein hochentwickeltes Gemütsleben, eine reine Sittlichkeit, eine echte Frömmigkeit auch für warme Sympathie und hochherzige Güte, mit einem Worte für alle Tugenden, welche die menschliche Natur liebenswert machen.“ Aber diese Tugenden wurden den Ostjuden, wenn sie im Lehrhause erworben waren, so gründlich ausgeprügelt, bildlich und wörtlich genommen, daß der Edelsinn nur zu oft in die Brüche gehen mußte. Es ist ein schweres Unrecht, wenn die Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte in dem Geleitwort, das sie dem Heft „Die Ostjuden“ mitgegeben haben2), dies Moment sol eicht nehmen. Kein 1) „Das pharisäische Judentum“, Gustav Engel, Leipzig 1913, S. 258. 3) Dessen Herausgabe an sich das Streben verrät, das Wesen der Ostjuden wahrheitsgemäß dem Unkundigen zu vermitteln. Wenn wir auch manches daran auszusetzen haben, so sei doch dies Heft (Februar 1916), das unsere Erörterungen in manchen Punkten zu ergänzen geeignet ist, warm empfohlen.