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Jeschurun · 1916-04-01 · Heft 4 (April 1916) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
3 (1916)
Issue
Heft 4 (April 1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 203 (sequence 27)
Language
German
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 203 ..Es wäre verfehlt, das altjüdische Erziehungs- und Bildungswesen deshalb, weil es nur von der Thora ausging und darin aufging, einseitig zu nennen. Allerdings war die Thora nur eines, aber was war den Juden dieses Eine? Ein Zauberwort, das alle Geheimnisse lüftete, ein Edelstein, in dessen unzähligen Facetten Zeitliches und Ewiges sich spiegelt. Deshalb blieb dem in der Thora sich Vertiefenden nichts fremd. Der Talmud, an sich einseitig, ist von einer Vielseitigkeit, in der kein anderes Sammelwerk früherer Zeit ihm gleichkommt. Aus diesem Gesichtspunkt erklärt sich die das Judentum der Diaspora kennzeichnende Tatsache, daß es scheinbar aus dem Bereich der Thora nicht heraustrat und dennoch ganz neue Gebiete des Wissens sich erschloß oder vielmehr der Thora anschloß. Ein kleines Reich hatte man dem Judentum genommen, ein größeres hatte es sich erobert .... „ln dieser Richtung verdienen besonders die ethischen Schriften Hervorhebung, die dem Mittelalter ihre Entstehung verdanken, vor allem das „Buch der Frommen“, das eine Sammlung von Sittenlehren bildet, die hinsichtlich des Rechtsgefühls, des Freimuts, der Geistestiefe, der Menschenliebe, die darin Ausdruck finden, von ähnlichen, außerhalb des Judentums entstandenen Moralschriften nicht übertroffen, in manchen Punkten nicht einmal erreicht worden sind. Sie zeigen, daß es den Juden des Mittelalters nicht bloß um Geistesbildung, sondern auch um Herzensbildung der Jugend zu tun war*1). Aber, so wird man fragen, wo bleiben die Resultate dieser Erziehungsschule? Entsprechen die Ostjuden wirklich dem Ideal, das Zöglinge einer solchen Schule verkörpern müßten? Sie entsprechen ihm nicht! Wie sehr wir im vorigen Aufsatz der allgemeinen Verurteilung des Charakters der Ostjuden entgegengetreten sind, so fern liegt es uns, sie in ihrer Gesamtheit oder auch nur in ihrer überwiegenden Mehrheit als 2) Moritz Güdemann: „Erziehung und Schule" im Sammelband „Soziale Ethik im Judentum“ J. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1914,, S. 93 und 95.

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