Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 202 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Deutschland und die Ostjudenfrage. dem Talmud versetzt, auch den Pentateuch trifft. Und er sollte es nachfühlen können, wie den Talmudjuden in seiner Art, die heilige Schrift auszulegen und zu vertiefen, die gleiche Seligkeit überkommt, die er empfindet, wenn er in seinen christli ch-religiösen Schriften sich vertieft. Und nun denke man sich eine Schule, in welcher in jeder Unterrichtsstunde den Schüler das Bewußtsein beherrscht, daß es beim Lernen um die höchsten Interessen geht, um Sinn und Zweck seines Daseins, um Aufgabe und Ziel seines Lebens Natürlich ist das Gefühl nicht in jedem Augenblick von gleicher Stärke. Es wird während der Arbeit des logischen Denkens, des Suchens und Grübelns, des Streitens und Sichfindens zurückgedrängt. Aber immer lagert es unter der Schwelle des Bewußtseins und quillt in jedem Augenblick der Ruhe mit ursprünglicher Gewalt hervor. Das läßt sich nicht erzählen, das muß selbst erlebt sein. Es ist mehr als die Wonne, die den Entdecker, Erfinder und Forscher übermannt. Diese empfinden zumeist nur die Freude an dem Resultat ihrer Arbeit, die immer mit dem egoistischen Gefühl vermischt ist, daß sie ihrer Geisteskraft soviel verdanken. Beim Talmudlernen schwingt das religiöse Gefühl mit, daß das Lernen selber ein Gottesdienst und alle neuen Gedanken gefunden werden YD2 mit göttlicher Hilfe. IV. Vielleicht ist es uns gelungen, — soweit das im Rahmen eines Aufsatzes gelingen kann — ein Bild davon zu geben, wie wenig berechtigt das Schlagwort vom Talmudismus ist, wie vielseitig Denken, Fühlen und Wollen des Talmudbeflissenen ausgebildet werden und wie sehr wir darum berechtigt sind, in der Talmudschule eine „Erziehungsschule“ zu sehen, die auf die Harmonie von Verstandes- und Gemütsbildung ausgeht. Wir können das Gesagte nicht besser zusammenfassen, als mit den Worten des greisen und verdienten Forschers der „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der abendländischen Juden*4: