Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 200 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Deutschland und die Ostjudenfrage. Schule nur deshalb Bedeutung, weil es religiöse Vorschrift ist. Auf diese Vermischung von Recht, Ethik und Religion und ihre untrennbare Einheit haben auch neuere christliche Theologen oft hingewiesen und sie haben damit den Tadel verbunden, daß die Religion dadurch herabgezogen und entwürdigt wird. Hier ist nicht der Ort, die vielen Widerlegungen anzuführen, welche diese Behauptung gefunden. Wir halten jener Behauptung die andere entgegen, die jedem, der wirklich den Talmud kennt, als die richtige gelten muß, daß es gerade umgekehrt ist. Alle Forderungen des Rechts und der Ethik werden dadurch in eine höhere Sphäre gehoben, daß sie mit dem Nimbus des Göttlichen umkleidet sind. In Ehrfurcht tritt man an sie heran, weil Gott, der König, sie geboten. In Liebe und Herzensfreude werden sie voliführt, weil der himmlische Vater uns mit ihnen beglückt. Einen sehr großen Raum nimmt freilich im Talmud die Behandlung jener Religionsgesetze ein, für deren erzieherische Bedeutung wir beim Nichtjuden und auch bei dem liberalen Juden nicht auf Verständnis rechnen können. Doch liegt die Schuld nicht in der Sache, sondern in der Unfähigkeit der Beurteiler, sich in den Geist des Talmudjudentums zu versetzen. Es handelt sich ja nicht um die Frage, ob diese Dinge objektiv geeignet sind zu jeder Zeit, in jedem Lande, an jedem Volksgenossen ihre erzieherische Wirkung zu üben. Aber man wird doch dem Talmudjuden nicht das Recht bestreiten wollen, Religionsgesetze, die in einer — auch nach konservativ-christlicher Auffassung — göttlichen Offenbarung gegeben wurden, als wertvoll genug anzusehen, um sich in ihren Sinn zu vertiefen, für alle möglichen Fälle ihrer Anwendung im Leben Bestimmungen zu treffen, sie mit demselben Eifer zu studieren, mit dem der moderne Forscher eine alte Inschrift eines längst verschollenen Volkes zu entziffern oder die Beschaffenheit einer der hunderttausend Arten von Lebewesen zu erfassen sucht. Die Zehngebote z. B. werden von sehr vielen Nichtjuden mit Ehrfurcht genannt. Da heißt es (Ex. 20, 9f.): „Sechs Tage