Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 188 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292960--01317-2294570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
188 Deutschland und die Ostjudenfrage. was im Talmud steht, auch von denen, die seinem Studium ihr halbes Leben opfern, gleich wichtig genommen wird. Vor allem nicht dort, wo es sich um die praktische Betätigung handelt. So wird im Talmud sehr häufig für Krankheiten ein Heilverfahren und ein Heilmittel angegeben, das den superstitiÖsen Bräuchen des Altertums und Mittelalters entspricht. Preuß scheidet nun scharf zwischen der wissenschaftlichen Medizin jener Zeit und der Volksmedizin. Und da ist es von Bedeutung, daß diese talmudische „Volksmedizin“ nicht die geringste Berücksichtigung in der Literatur und im Leben gefunden. Auch das, was von der Engel, der Dämonenlehre, von den Schilderungen des künftigen Lebens usw. im Talmud berichtet wird, ist von einem großen Teil der Talmudlehrer von Saadja Gaon bis auf unsere Zeit nicht dem Buchstaben nach aufgefaßt worden. Immerhin gab es und gibt es noch jetzt Kreise, die an dem Wortsinn der Aussprüche und Erzählungen nicht rütteln lassen. Doch hier handelte es sich eben um Theorien über metaphysische Fragen, in denen die Anschauungen im Judentum immer fließend waren. Wo aber, wie in der Heilkunde, diese Aussprüche von eminent praktischer Bedeutung wurden, da war das Verständnis für das, was im Talmud Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit und was nur aus der Umgebung entnommen oder ein Tribut an die Zeitanschauung war, immer lebendig. Ganz erstaunlich ist es — freilich nur für den, der die im Talmud zur Erörterung kommenden Materien nicht kennt — wie reich die Anschauungswelt von Dingen der Landwirtschaft ist. Von der Vorbereitung des Ackers für die Pflugschar bis zur Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte in Haus und Hof kommen alle Hantierungen, alle Werkzeuge, alle Verwendungsmöglichkeiten zur Sprache. Man kann mit gutem Recht sagen, daß der Talmudjünger in diesen Dingen besser Bescheid weiß als die meisten Großstadtkinder, die noch so viele Schuljahre hinter sich haben. Bei allem, was wir hier beibringen, darf nicht vergessen werden, daß es uns nur darauf ankommt, auf die Vielseitigkeit