Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 186 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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igö Deutschland und die Ostjudenfrage. nicht scheut, sich der jetzt zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zu bedienen, nachgeprüft werden. Der Talmud hat die mündliche Lehre zum Inhalt; er will die schriftliche, wie sie im Pentateuch niedergelegt ist, erläutern,, ergänzen und weiter fortbilden. Die Thora, die schriftliche Lehre, stellt Normen auf für die Beziehungen des Menschen zu Gott und dem Mitmenschen. Das gesamte Tun des Menschen wird hier bestimmt von dem Augenblick, wo er aufsteht, bis zu dem, wo er sich niederlegt, wie er in Speis und Trank sich verhalten soll, wie an den vorgeschriebenen Ruhetagen, wie beim Säen und Ernten, wie in der Kleidung, wie in der Darbringung der Opfergaben, wie im Straf- und Zivilrecht, wie in der sozialen Betätigung, wie in der Ehe und der Erziehung, wie der Obrigkeit gegenüber und wie im Verhältnis zu seinen Untergebenen. Was aber imPentateuchnur in kurzen Sätzen angedeutet wird, das wird im Talmud bis in die feinsten Verästelungen verfolgt, von allen Seiten beleuchtet, alle Möglichkeiten werden in Betracht gezogen, Beispiele aus dem Leben werden zur Klärung beigebracht. So gibt der Pentateuch nur ein sehr schwaches Bild von der Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Themata, die im Talmud behandelt werden. Das rein Stoffliche an Wissensmaterial, das hier geboten wird, ist so von einer außerordentlichen Vielseitigkeit. Es werden dem Jünger Anschauungen, Vorstellungen nnd Begriffe aus allen möglichen Wissensgebieten vermittelt. Es kommt hier nicht darauf an, ob sie sich immer mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft decken. Eine spätere Richtigstellung auf Grund des heut allgemein angenommenen Weltbildes wird sich äußerst schnell vollziehen, soweit nicht der Lehrer selbst auf Grund seiner Kenntnisse imstande ist, das gleich beim Unterricht zu erledigen. Die völlig weltfremden Männer, die nichts von den Elementen des Rechnens, der Geschichte und Geographie, der Physik, Chemie und Astronomie, der Physiologie, der Zoologie und Botanik usw. verstehen, sind nicht mehr so häufig, wie es uns Karl Emil Franzos in seinen Ghettoschilderungen, die schließlich mehr als ein Menscbenalter