Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 185 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschland und die Ostjudenfrage. 185 wollen. Wer seine Weisheit aus den judenfeindlichen Quellen über den Talmud von Eisenmengers „Entdecktem Judentum4' bis auf Fritsch’ „Hammer44 schöpft, der ist nicht eines Besseren zu belehren. Aber ebensowenig schreiben wir für die Männer, die sonst nach streng wissenschaftlichen Prinzipien wägen und prüfen und alle Instanzen befragen, bevor sie urteilen, aber über den Talmud ohne eigene Kenntnis sich absprechend äußern und leichtsinnig und oberflächlich über ein ganz einzigartigesLiteraturwerk den Stab brechen. Es ist jetzt, nachdem eine größere Zahl christlicher Gelehrten in neuerer Zeit ihre Arbeit der Erforschung des Talmuds gewidmet1) und der Talmud selbst in einer deutschen Übersetzung fast vollständig vorliegt2), keinem mehr gestattet, sich auf das Urteil jener noch so angesehenen Theologen zu berufen, denen nach ihrem eigenen Geständnis die Kenntnis des eigentlichen Talmuds abging. Es ist freilich auch jetzt dem, der den Talmudunterricht nicht in den überlieferten Formen erhalten, völlig unmöglich, «ich ein klares Bild davon zu machen, was für lebendige Energie dieser Unterricht in dem Studierenden auslöst. Er weiß nicht, was unterstrichen, worauf besonderer Nachdruck gelegt, worüber leicht hinweggegangen wird. Er kann nicht ahnen, daß hier jede geistige Veranlagung, jedes Temperament seine Rechnung findet. Daß verschiedene Zeitalter, verschiedene Länder eine andere Methode verwenden. Daß ein Kind und der größte Gelehrte diesem Studien mit der gleichen Freude sich hingeben können. Kurz, wie der Talmud gelernt wird, das kann nur die lebendige Erfahrung, die Teilnahme an der Diskussion der Talmudbeflissenen dem Außenstehenden, der flann freilich nicht mehr draußen steht, vermitteln. Darüber soll später noch gesprochen werden. Aber was im Talmud steht, das kann von jedem, der die freilich noch immer große Mühe *) Einzelne aufzuzählen ist unnötig, da die Literatur in lückenloser Vollständigkeit zusammengestellt ist, bei Hermann Strack „Einleitung in den Talmud“, 4. Aufl. Verlag M. Poppelauer, Berlin. Besonders verwiesen sei nur auf das Buch von Herford „Das pharisäische'Judentum“. 2) Von Lazarus Goldschmidt, M. Calvary, Berlin.