Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292960--01311-2294564- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
182 Deutschland nnd die Ostjudenfrage. Materiale der Jugendbildung aber muß in einer solchen Gestalt geboten werden, daß es geeignet ist, eine allgemeine Grundlage abzugeben für jedes fernere Weiterbauen. Die verschiedenen Seelentätigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens müssen in gleicher Weise berücksichtigt werden, kurz der Leitgedanke muß überall sein: Was hier getrieben wird, soll die verschiedenen Fähigkeiten harmonisch ausbilden und in erster Reihe nicht so sehr auf Fülle und Mannigfaltigkeit des Stofflichen sehen, sondern den Charakter formaler Erziehung tragen. An diese Einheitsschule könnte sich dann das System des höheren Unterrichtswesens anschließen, von Fachschulen, Seminaren,landwirtschaftlichen, technischen, Handelshochschulen, Universitäten, Akademien usf. Für die besonderen akademischen Berufe müßten für die Abiturienten der Einheitsschulen spezifische Vorschulen eingerichtet werden, in denen das, was die philologisch-historischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Abteilungen unserer jetzigen humanistischen Gymnasien, Realgymnasien, Oberrealschulen, Reformgymnasien usw. an Vorbereitungsstoff den Schülern beibringen, den künftigen Ärzten, Juristen, Theologen, Oberlehrern, Baumeistern, Technikern, Künstlern, Journalisten, Großkaufleuten usw. vermittelt würde. Diese höheren Vorschulen können, unbehindert von allen ihnen wesensfremden Stoffen, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit das erreichen, was früher in doppelter und dreifacher Zeit nicht bewerkstelligt wurde. Wir haben ein Beispiel dafür ja im Physikum, das die Studierenden der Medizin abzulegen haben. Was diese Herren in der Anatomie, Zoologie, Botanik usf. in wenigen Semestern bewältigen, ist bewundernswert und nur aus der Konzentrierung des Interesses und der Arbeitskraft auf das, was allein für ihren Beruf in Betracht kommt, zu erklären. Eine solch hoch hinaufgeführte Einheitsschule und diese Art der Verbindung der akademischen Studien mit der Vorbildung in der Einheitsschule würde auch mit einem Schlage der Unterscheidung zwischen niederem und höherem Schulwesen ein Ende machen und damit auch dem Dünkel des „Gebildeten“,