Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 4 (April 1916)
- Date
- 1916-04-01
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2292929-2292955-2292960--01309-2294562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
180 Deutschland und die Ostjudenfrage. und dem Durchschnitt der zu Erziehenden rechnen müssen. Noch einmal! Wir wissen ganz gut, daß das Problem der Einheitsschule und das nun Jahrzehnte hindurch nicht zur Ruhe kommende der Schulreform mit einer Eülle von anderen Wünschen und Hoffnungen bepackt ist. Aber das oben Ausgeführte deckt den Kern der Schwierigkeit auf. Dieser Dualismus liegt letzten Endes in der Menschenseele selbst begründet- Ob wir uns für die Idee oder für das Leben entscheiden sollen, ob für das Diesseits in praktischer Arbeit zu wirken oder für die Welt des Geistes, das ist die Frage. Gut illustriert wird der Erfolg, der, je nachdem man die eine oder die andere Richtung einschlägt, erzielt wird, durch eine Gegenüberstellung der Bildungsbestrebungen der Deutschen um die Wende des achtzehnten und die des neunzehnten Jahrhunderts. Damals in den oberen Schichten eine tiefe humanistische Bildung, Muße und Neigung des Gebildeten, sich zu sammeln und auch die Lektüre tiefer und schwerverständlicher Bücher nicht zu verschmähen. Heute: ein jeder nur mit seinem Fache vertraut und für das, was sein Fach berührt, interessiert; die Allgemeinbildung aus Zeitungen bezogen. Dazu ein auf den praktischen Erwerb gerichteter Sinn, eine Hetzjagd nach dem Erfolge, welche jede Möglichkeit der inneren Sammlung ausschließt. So war es vor dem Kriege. Daß die gewaltige Katastrophe in diesem Seelenleben manches geändert hat, ist leicht verständlich. Wie weit diese Wandlung von Dauer sein wird, muß noch abgewartet werden. Völlig falsch ist es natürlich, aus dem Umstand, daß unsere Jugend sich so trefflich bewährt hat, auf die absolute Vollkommenheit des Schulwesens zu schließen. Vergessen wir doch nicht, daß es die Begeisterungsfähigkeit der Jugend an sich ist, die sie mit unwiderstehlicher Gewalt zum Kampfe für das Vaterland hinreißt, und denken wir daran, welche Bolle in den uns feindlichen Ländern, vor allem in Italien — in der nach unserem Empfinden schmählichsten Sache — die studierende Jugend gespielt. Daß in Deutschland das Unterrichtswesen, in seiner Gesamtheit angesehen, relativ