Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 157 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Meyrinks Roman ״Der Golem“. 157 verdumpftes Wässerchen des alten jüdischen Lebensstromes sickert, jene Massenherberge von Leuten, die die Emanzipation verschlafen haben und nun wie Fledermäuse bei Tageslicht herumflattern. ״ Vielleicht ist das Ghetto Prags zu einer Zeit so gewesen; doch der Satiriker sollte den Kulturhistoriker nicht so ganz verleugnen und ihn verleiten, zu verallgemeinern und zu behaupten: So seid ihr Juden, so mußte gesetzmäßig eine jede Ghetto-Seele werden (s. die Zitate oben!) unter den und den Bedingungen. Es sollte ihm den Blick nicht rauben für die ganz anders gearteten Ghetti des Ostens, für diese großen ״Geburtsstätten eines neuen Volkes mit altem Namen״, für die geistigen Zentren jenes Volksstamms, für die gewaltigen industriellen Triebkräfte, die da arbeiten und auf ehrliche Arbeit harren und dem großen Weckruf der Zeit horchen. Hier spricht eine große Verständnislosigkeit oder absichtliches satirisch-liebloses Nichtverstehenwollen aus dem Verfasser, vielleicht aber auch Unkenntnis jüdischer Seele und jüdischen Volksbrauchs. (Dem Verfasser läuft mancher Lapsus unter: So soll der Hohe Babbi Lob den Golem verfertigt haben, damit er ihm die Glocken in der Synagoge läuten helfe! S. 74; oder die Lamdonim (!) von Prag machen ein Lied auf den ״Chomezigen Borche,“ den man ausgerechnet einen Tag vor Pessach sagt! S. 106). Bei diesem ganzen Exkurse sehe ich den Ironiker Meyrink überlegen lächeln: Tor, der du bist, der mich, den Künstler, zum Kulturhistoriker und Moralprediger in die Lehre schicken und mich mit der Wahrheit belehren möchte. Mir kam es auf die Idee, auf die großen, magischen und geheimnisvollen Ströme an, die alle diese Menschen umschlingen und zu blinden Opfern ihrer Bestimmung machen, das Sensationelle, Berauschende, Nervenzerstörende, telepathisch diese Menschheit Umklammernde des Golem wollte ich zeigen, das geheime Erschauern der Menschenseele vordemUnbekannten um unsundinuns,eineMenschheitskomödie wollte ich schreiben, wie sie Meister Pernath (dieser erlebt alles im Traum) in seinem Dämmerzustände erlebt. Was kam es mir darauf an, ob Jud, ob Christ. Lasse ich denn die Christen-