Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 156 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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156 Gustav Meyrinks Eoman ״Der Golem“. so etwas tut? Was ist da spezifisch jüdisch, und was hat das Perverse mit dem Judentum überhaupt zu tun? Ist krankhafte Entartung wirklich der Schlußstein jüdischer Ghetto-Ent- Wicklung? Einen Propheten des Phantastischen haben einzelne Tageskritiker Meyrink genannt. Meyrink ein Prophet! Meyrink fehlt die wesentlichste Eigenschaft des Propheten, das ist die Liebe zum Volke, das er darstellt. Der Prophet tadelt, geißelt, straft, doch er findet auch milde, zärtlich-tröstende Mutterworte, sieht auch die Sonnenseite. Hier aber wird der jüdische Typus fast nur herabgezogen. Was will es da besagen, wenn Meyrink zuletzt oder gelegentlich in seiner Gnade auch Schemaja Hillel, den Kabbalisten, und dessen Tochter Mirjam als Gegen- oder Nebenfiguren auftreten läßt, nachdem er unser Gewissen durch die Gestalten von Wassertrum, Wassory, Rosina, Scheffranek, und endlich durch den Halbjuden und Halbwahnsinnigen, den Studenten Charousek aufs äußerste gepeitscht und durch alle Erbärmlichkeiten des Ghettos geschleift hat. Schemaja Hillel, der mit Geistern Zwiesprache hält, der über allem Erdenleid und -Schlamm stehende Weise Nathan, der ziemlich episodenhaffc eingeführte deus ex machina des Stückes, kann den bitteren Eindruck Shylock-Wassertrums und seiner Korona nimmer mildern. Und die Gestalt der Mirjam? Mag ihre Art und ihr Glaube an Wunder uns noch so rühren, sie streift so sehr ans Wunderbare und Schemenhafte und hat so wenig spezifisch Jüdisches, daß sie uns mit dem Schmutz und Abfall um uns her nicht aussöhnen, den Höllenbreugel jüdischer Schurkenhaffcigkeit nicht vergessen lassen kann. Wir vermissen an allen Ecken und Enden die poetische Gerechtigkeit und Wahrheit. Gewiß mag dem Verfasser ein Zerrbild jüdischen Ghettolebens, wie man es in Prag und Wien zu einer Zeit finden konnte1), vorgeschwebt haben, eine Versteinerung jüdischmittelalterlichen Volkstums, ״durch die noch ein fadendünnes. *) cf. Mathias Achers Aufsatz: ״Ghetto“ Ost & West 1903, No. 8.