Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 155 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Meyrinks Roman. ״Der Golem״. 155 es einem christlichen Studenten, der sich hei ihm als Gehilfe einführt, seine merkwürdigen Praktiken aufzudecken und den Arzt zum Selbstmord zu zwingen. Das mag genügen. Es wiederholt sich bei Meyrink wieder, was uns die Literaturgeschichte auch sonst lehrt: Auch der große Satiriker ist niemals in Wahrheit ein großer Dichter. Man denke vor allem an den größten Satiriker, an Swift. Die besten und reinsten Schöpfungen des Satirikers werden durch die Verzerrung vergiftet, seine idealsten Gestalten durch das Narrenkleid entstellt. Überall verschieben sich die Größenverhältnisse ins Unnatürliche und Karrikierte. So ist es auch bei Meyrink. Hinter all der Gedankentiefe und Symbolistik, hinter allen wunderbaren Stimmungsbildern so mancher Szenen lauert die höhnische Fratze des Satirikers. Nur ein kleiner Dichter kann ganze Volksschichten derart schonungslos an den Pranger stellen, mit solchem Zynismus arbeiten. Wo gibt es oder gab es typische Vampyre und Satansgestalten wie den Trödler Wassertrum und dessen Sohn, Dr. Wassory, und ihren ganzen Anhang. Und wenn es solche pathologische Mißbildungen irgendwo und irgendwie im Großstadtsumpf gab, hat man sie nicht bald gefaßt und vors Gericht oder ins Irrenhaus gebracht? Was berechtigt nun aber den Verfasser zur Darstellung, daß es typische Vertreter, Verkörperungen von Gut und Böse Opfer des Ghetto-Milieus seien und nicht Verirrungen der Menschheit und ihrer Gottesebenbildlichkeit? Wie darf Meyrink sagen: ״Nur ein Mensch, der mit allen Fasern im Ghetto wurzelt und von Kindheit an gelernt hat, auf der Lauer zu liegen wie die Spinne.konnte derartige Scheußlichkeiten begehen“! (S. 59/60).. Man kennt die Erzählung Edgar Allan Poes, des weit genialeren Meisters des Schaurigen, die Erzählung von dem Pariser Arzt, der jahrelang Leiter einer Beobachtungsanstalt für Geisteskranke ist, die armen Kranken bis aufs Blut martert, ohne erkannt zu werden, bis er sich nach Jahr und Tag selbst als geisteskrank entpuppt, nachdem er Hunderte armer Kranker zu Tode gemartert hat. Muß das nun gerade ein Jude sein, der