Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 146 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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146 Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung. auf* dem Glauben, daß der Wert des eigenen Volkes nicht in dem liegt, was es leistet und geleistet hat, sondern in dem, was es leisten wird und leisten soll. Um des zukünftigen Israel willen sollen wir nie mit dem früheren und dem gegenwärtigen zufrieden sein; die scheinbar demütigenden Momente unserer Geschichte sind uns als Mahner zu solcher Unzufriedenheit wertvoll. Wenn nach Paulus das ״Gesetz“ dazu da ist, uns durch die Höhe seiner Anforderungen die Unzulänglichkeit unserer sittlichen Kraft zum Bewußtsein zu bringen, so erfüllt im Judentum die Geschichte eine ähnliche Punktion, nur daß sie uns nicht auf die Fremderlösung, sondern auf die Selbstheiligung hinweist und nur da, wo Menschenkraft nicht ausreicht, die Teilnahme der Gnade von oben erhoffen läßt. Daher ist eine Geschichtsbetrachtung von der Art der jüdischen undenkbar bei solchen Völkern, die aus der Betrachtung ihrer Vergangenheit das liecht auf einen Glauben an die Zukunft ableiten, denen daher peinliche Ereignisse nicht wohl zum Quell des Glaubens werden können. Trotzdem glaube ich nicht, daß das Judentum bei der Umbildung des patriotischen Empfindens, wie sie nach dem Kriege kommen muß, untätig beiseite stehen soll und darf. Die großen Ereignisse der Gegenwart haben in dem Maße, wie sie uns die feste, im Gemüt wurzelnde Verbindung des Einzelnen mit seiner Heimat gelehrt haben, uns doch darüber die Augen geöffnet, wohin jene blinde Verhimmelung des eigenen und Herabsetzung des fremden Volkstums führt, die nicht nach Wahrheit und Gerechtigkeit fragt. Es ist unsere heilige Pflicht gegenüber dem Vaterlande wie gegenüber der Menschheit, unsere Liebe zugleich vor Mattigkeit und vor unwahrhaftiger Über- *) Dazu kommen die Bedenken, die Naumann, Mitteleuropa S. 10 f. im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit nicbtdeutscben Bundesgenossen gegen eine übertriebene Betonung des eigenen Volksbewußtseins erbebt und die deshalb besonders beachtenswert sind, weil wie Naumann richtig bemerkt, auch in der Politik der Großbetrieb zur Geltung gelangt und somit jeder Staat auf die Zusammenarbeit mit Volksfremden angewiesen ist.