Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 3 (1916)
- Issue
- Heft 3 (März 1916)
- Date
- 1916-03-01
- Page
- Seite 145 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Weltanschauung u. patriotische Geschichtsbetrachtung.!45 Jakob, eines Moses, eines David hierdurch keineswegs verliert; wir haben vielmehr die Empfindung: wie groß müssen Männer gewesen sein, die die Anlegung solcher Maßstäbe vertragen. Es gibt eben einen Tadel der Liebe, wie es ein Lob des Hasses gibt; und es ist eine äußerst feine Bemerkung des Talmud, daß Bileams Lob versteckte Spitzen, Moses7 Tadel unwillkürlich eingeflochtenes Lob enthält. Mit gleicher Strenge wie die großen Männer wird das Volk selbst behandelt. ״Nur Euch habe ich erwählt aus allen Völkern — darum strafe ich Euch für alle Eure Sünden“. Denn ״wie ein Vater seinen Sohn straft, so straft dich Gott“; Israels Aufgabe ist ja in der Gegenwart nicht abgeschlossen; darum züchtigt es Gott ״um der Zukunft willen“. Dem entspricht die Geschichtsbetrachtung unserer Feste. Unser Kalender ist nicht nur unser Katechismus, sondern auch unsere Geschichtstabelle. Wir feiern Siegesfeste1); das tun die anderen auch. Wo finden wir aber vollkommene Analogien zu unseren historischen Fasttagen2)? Feiern wir als Deutsche den Tag von Jena und Auerstädt, der das alte Preußen zertrümmerte, um das neue, die Mutter des neuen Deutschland, zu gebären? Auch die große Zeit, die wir heute durchleben, wird den fernsten Enkeln im Gedächtnis bleiben; man wird die Tage von Tannenberg und Gorliee dankbar festhalten; aber wird jemals nach hundert Jahren ein Vater seinem Sohne einen Laib unseres Kartoffelbrotes weisen mit den Worten der Haggada ״ הא להמא עניא די אכלו אבהתנאdies ist das Brot der Not, das unsere Väter gegessen haben“? Nun läßt sich freilich diese jüdische Geschichtsbetrachtung nicht ohne weiteres auf alle Völker übertragen. Sie beruht ») Selbstverständlich bedeutet es eine arge Verwässerung des Gebaltes etwa von Pesach und Chanukka, wenn man diese Feste als rein nationale Siegesfeiern auffassen will. Man vergleiche das im Texte folgende und erinnere sich, daß die Makkabäer in unserer Chanukka*• hymne nur ganz nebenbei erwähnt werden. 2) Die dies atri der Römer sind Unglückstage, die aus Aberglauben gehalten werden. 10